Seit einigen Wochen haben in Neustrelitz Mahnwachen stattgefunden, die zu Solidarität und Zusammenhalt aufriefen. Die Mahnwachen waren auch eine Reaktion auf die montäglichen Corona-Demonstrationen. Nun sollen die Mahnwachen vorerst nicht mehr gehalten werden, wie Strelitzius erfuhr.
„Dies ist keine Kapitulation vor dem Thema Corona, sondern ein Aufruf, alle Kräfte für gemeinsames Handeln zu bündeln“, fasst Thomas Fiß vom Aktionsbündnis „Vielfalt statt Einfalt“ den Entscheidungsprozess zusammen. „Wir wollen unsere Kraft weiterhin in die Bekämpfung der Pandemie stecken, aber auch für die neue Aufgabe der Flüchtlingshilfe sowie für den Frieden! Es sind zahlreiche gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die unser aller Tun erfordern. Gesundheit und Frieden sind die Fundamente unseres Daseins.“
Auch an diesem Montag wird die Mahnwache des Bündnisses Vielfalt statt Einfalt in Neustrelitz am Marktplatz zwischen 18.30 Uhr und ca. 20 Uhr stattfinden. „Wir rufen wieder dazu auf, friedlich und bunt für Solidarität in der Corona-Pandemie aufzustehen. Bei den vergangenen Mahnwachen waren etwa 40 Personen anwesend und wir hoffen, zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer begrüßen zu dürfen“, schreibt mir Organisator Dr. Thomas Fiß von den LINKEN.
Befürworter und Gegner der Corona-Politik werden am kommenden Montag wieder in Neustrelitz auf die Straße gehen. Dr. Thomas Fiß von den LINKEN hat für das Aktionsbündnis „Vielfalt statt Einfalt“ eine weitere Mahnwache auf dem Markt angemeldet. Jacqueline Koch, Versammlungsleiterin der Montagsdemonstranten, hat die Fortsetzung der angemeldeten „Spaziergänge“ angekündigt.
Seit einiger Zeit finden in Neustrelitz montags Spaziergänge unter dem Motto „Mondays for Freedom“ statt. Nun rufen Mitglieder des Neustrelitzer Bündnisses „Vielfalt statt Einfalt“ zu mehreren Aktivitäten auf. Dem Bündnis gehören Vertreter der demokratischen Parteien, Vereine, Kultur und der Kirche an.
Die Mitglieder wollen bunt, freundlich und friedvoll zur Solidarität aufrufen. „Was da seit einiger Zeit stattfindet, sind keine Spaziergänge, sondern Demos. Man ist pauschal gegen alles, ohne sich konkret für Verbesserungen der sicherlich auch zu kritisierenden, teilweise hektischen Corona-Politik einzusetzen“, so der GRÜNE Stadtvertreter Falk Jagszent, der gemeinsam mit Thomas Fiß von der LINKEN am nächsten Montag ab 18:30 Uhr eine Mahnwache auf dem Marktplatz angemeldet hat. Als Bündnispartner fragt sich Thomas Fiß, ob allen Teilnehmenden der Montagsdemos klar ist, mit wem diese auf die Straße gehen. Denn die Demo berufe sich u. a. auf die Kampagne freiheitsboten.org, deren Ziel u.a. die Desinformation sei. „Wir möchten konkrete Themen diskutieren und zu einem besonnenen Umgang mit der aktuellen Situation aufrufen.“
Jeweils montags um 19 Uhr wird ab sofort zu Friedensgebeten in die Neustrelitzer Stadtkirche eingeladen. Das Motto ist dem Lukas-Evangelium entnommen: „Und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“
Mitglieder des Neustrelitzer Aktionsbündnisses „Vielfalt statt Einfalt“ haben sich am vergangenen Mittwoch bei einer Videokonferenz ausgetauscht und überlegt, ob und wie mit den sogenannten „Montagsspaziergängen“ in Neustrelitz umzugehen ist, „weil wir uns Sorgen um das Gemeinwohl und demokratische Grundwerte machen“, so Pastorin Cornelia Seiddel gegenüber Strelitzius. „Uns als Kirche geht es darum, gegenüber den Montagsspaziergängern in Neustrelitz eine Haltung einzunehmen, die positiv die Sorgen und Stimmungen der Menschen aufnimmt, sich dennoch von bestimmten Meinungen abgrenzt. Dies wollen wir in einer würdigen Form in einem geschützten Raum zur Sprache zu bringen. Von einer Gegenveranstaltung wollen wir und die anderen Akteure bewusst absehen, Konfrontation und Verurteilungen vermeiden. Im christlichen Sinn beten kann man nur für, nicht gegen etwas. Darum ist für uns eine gottesdienstliche Veranstaltung die geeignete Option.“
Zu den Gottesdiensten in der Stadtkirche gelten die 3G-Regelung, Abstand und Maskenpflicht.
TOG-Schauspieldirektorin Tatjana Rese (rechts) bei der Übergabe des Sticks mit dem Filmmaterial an die Vorsitzende des Residenzschlossvereins Neustrelitz, Angelika Groh.
Am Montagabend wurde im Neustrelitzer Schlossgartenhotel der Film „Orte der Demokratiegeschichte – Neustrelitz“ präsentiert. Er stellt in 16 Minuten die erste demokratische Landesverfassung Deutschlands – das 1919 geschaffene Landesgrundgesetz von Mecklenburg-Strelitz – vor.
Das Projekt mit Schauspielern der TOG wurde vielfältig unterstützt (siehe Abspann) und u.a. durch das Bundesjustizministerium gefördert. Es reiht sich in eine Serie der Arbeitsgemeinschaft „Orte der Demokratiegeschichte“.
Die gerade veröffentlichten Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Kinder- und Jugendbeteiligung in Neubrandenburg“ an die Stadtvertretung und den Oberbürgermeister zeigen, dass eine Kinder- und Jugendbeteiligungsstruktur aufgebaut und etabliert werden soll. Die Partnerschaft für Demokratie Neubrandenburg ruft aus diesem Grund freie Träger der Kinder- und Jugendarbeit zur Antragstellung für dieses ganzjährige Projekt im kommenden Jahr auf.
Das Projekt wird mit bis zu 30.000 Euro aus Mitteln des Aktions- und Initiativfonds der Partnerschaft für Demokratie Neubrandenburg gefördert und hat das Ziel „Kinder und Jugendliche in Neubrandenburg dabei zu unterstützen, Anliegen und Bedarfe mit lokalpolitischer bzw. stadtgesellschaftlicher Relevanz gegenüber den jeweils entscheidenden Akteuren (z.B. Verwaltung, Kommunalpolitik, Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit) zu formulieren und dazu zu befähigen, konstruktiv und kooperativ auf deren Bearbeitung hin- wie auch an dieser mitzuwirken“, geht aus der Projektskizze hervor.
Der Bundespräsident bei seiner Ansprache. Foto: Guido Bergmann
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat heute den Empfang für die Teilnehmenden der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft „Orte der Demokratiegeschichte“ im Schloss Bellevue mit einer Rede (siehe Anhang) eröffnet: „Demokratie ist kein Zustand, sondern ein ständiger Prozess. Demokratiegeschichte kann daher nicht nur den Weg zur Demokratie ausleuchten, sondern muss auch die Demokratie und deren Weiterentwicklung selbst thematisieren“, sagte Steinmeier.
Unter den Gästen auch der Neustrelitzer Holger Wilfarth, der sich um die Anerkennung des Schlossbergs seiner Heimatstadt als „Ort der Demokratiegeschichte“ verdient gemacht hat. Hier im Schloss war bekanntlich am 29. Januar 1919 für den Freistaat Mecklenburg-Strelitz die erste demokratische Landesverfassung Deutschlands verabschiedet worden. Wilfarth teilte mir mit, dass er Gelegenheit hatte, dem Bundespräsidenten die historischen Ereignisse in Neustrelitz zu schildern. Zugleich machte er das Staatsoberhaupt mit dem Forschungsprojekt Erna Weiland bekannt (Strelitzius berichtete), die im Freistaat Mecklenburg-Strelitz wahrscheinlich als erste Frau in Deutschland als Abgeordnete in einem demokratischen Parlament vertreten war und damit an der ersten demokratischen Landesverfassung in Deutschland mitgewirkt hat.
Nach dem Eklat am vergangenen Sonntag auf dem Neustrelitzer Schlossberg (Strelitzius berichtete) schließt Bürgermeister Andreas Grund eine weitere Zusammenarbeit zwischen Stadt und Residenzschlossverein unter dessen derzeitiger Führung aus. Der Vorsitzende des Residenzschlossvereins Jürgen Haase habe dem Anliegen, den Schlossberg zu einem „Leuchtturm-Ort der Demokratiegeschichte“ zu entwickeln, mit seinem Vortrag einen Bärendienst erwiesen, so Grund gegenüber Strelitzius.
Haase habe zunächst Politiker mit der Begründung „Es ist Wahlkampf“ von Redebeiträgen ausgeschlossen, um dann selbst minutenlang gegen die Regierungspolitik in der Corona-Pandemie zu polemisieren. „Damit hat der Vereinsvorsitzende selbst Geschichte geschrieben, nämlich als erster seit der Wiedervereinigung diesen Standort beschädigt zu haben. Unter dem ‚Leuchtturm der Demokratie‘ des Residenzschlossvereins ist es finster, wie der Vereinsvorsitzende am Sonntag bewiesen hat“, betonte Grund und sprach von einer Posse. Die Stadt Neustrelitz distanziere sich vom Auftritt Haases.
Wie die weitere Zusammenarbeit mit dem Residenzschlossverein Neustrelitz aussehen kann, ist aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte momentan nicht absehbar. Das geht aus einer Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft hervor, die mir zugeleitet wurde. Der SprecherInnenrat der AG Orte der Demokratiegeschichte werde sich mit dem Vorkommnis am vergangenen Sonntag auf dem Neustrelitzer Schlossberg beschäftigen (Strelitzius berichtete) und dazu auch den Residenzschlossverein um eine Stellungnahme bitten.
Der Verein, vertreten durch seinen Vorsitzenden Jürgen Haase, habe die Mitgliedschaft in der AG beantragt und dabei versichert, dass dieser mit den Werten und Grundsätzen der AG übereinstimme, wie sie im „Hambacher Manifest“ festgelegt sind. „Bis heute haben wir keine Informationen seitens des Residenzschlossvereins erhalten, dass dieser mit der programmatischen Ausrichtung der AG nicht einverstanden sei“, heißt es in der Mitteilung.
Weder die AG Orte der Demokratiegeschichte noch der Weimarer Republik e.V. seien im Vorfeld über den Inhalt der Rede des Vereinsvorsitzenden Jürgen Haase informiert gewesen. „Wir sind davon ausgegangen, dass Herr Haase als Vorsitzender des Residenzschlossvereins ein dem Anlass würdiges Grußwort halten würde. Wir bedauern sehr, dass Herr Haase die Gelegenheit nicht dazu genutzt hat, für den Ort und für das Thema der Demokratiegeschichte zu werben. So war es eine verpasste Chance, die Bürgerinnen und Bürger von Neustrelitz von der Bedeutung ihres Schlossturms zu überzeugen“, heißt es in der Stellungnahme weiter.
Vielleicht helfe die Veranstaltung aber auch dabei, dass sich neben den bisher beteiligten Akteuren in der Stadt weitere Bürgerinnen und Bürger für die Gestaltung dieses Ortes interessieren und sich daran beteiligen.