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Raus aus dem Kinosaal, rein in die Stadt: Mit dem Sonderprogramm „Nah, Näher, Meck-Pomm“ geht die Neubrandenburger dokumentART in diesem Jahr bewusst an neue Orte und sucht die Begegnung mit Menschen auch jenseits der klassischen Festivalspielstätten. In der Regionalbibliothek, an der Hochschule, im Café International und weiteren Orten treffen Filme auf Gespräche, regionale Geschichte und aktuelle gesellschaftliche Fragen.

 „Nah, Näher, Meck-Pomm“ bringt filmische Perspektiven aus Mecklenburg-Vorpommern mit europäischen Fragen und gesellschaftlichen Themen zusammen. Und es steckt eine ganz einfache Idee dahinter: Wenn Ihr nicht zu uns kommt, kommen wir zu euch“, sagt Co-Festivalleiterin Magda Jaroszewicz.

Ein besonderer Höhepunkt des Sonderprogramms findet am 7. Oktober in der Regionalbibliothek Neubrandenburg statt. Gezeigt wird der Dokumentarfilm „Go Clara Go: die Kunst des kreativen Widerstands“ von Sylvie Kürsten. Die Regisseurin wird persönlich in Neubrandenburg zu Gast sein. Mit ihr kommt Gunar Barthel, der die legendäre DDR-Künstlergruppe und Produzentengalerie Clara Mosch maßgeblich begleitet hat. Im Anschluss an den Film sind beide zum Gespräch mit dem Publikum eingeladen.

Als Karl-Marx-Stadt zur Happeningzone wurde

Vor rund 50 Jahren begannen junge Künstlerinnen und Künstler in Karl-Marx-Stadt, die Grenzen des staatlich gelenkten Kunstbetriebs auszuloten. Performances, Pleinairs und gemeinsame künstlerische Aktionen machten die Gruppe Clara Mosch zu einem außergewöhnlichen Kapitel ostdeutscher Kunstgeschichte. Ihre Aktionen führten sie auch an die Ostsee. Sylvie Kürstens Film lässt gemeinsam mit den damaligen Akteuren den Geist dieser Zeit wieder lebendig werden. „Go Clara Go“ erzählt von Kunst und Utopie, Freundschaft und Verrat – und von kreativem Widerstand in einer Gesellschaft, die der Freiheit der Kunst enge Grenzen setzte.

Die Geschichte soll in Neubrandenburg nicht allein auf der Leinwand stattfinden. Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant, die Filmvorführung mit Originalwerken von Clara Mosch aus ihrem Archiv zu begleiten und diese in der Regionalbibliothek zu präsentieren. Film, Kunst und Erinnerung kommen so für einen Abend an einem Ort zusammen.

„Genau solche Begegnungen wünschen wir uns für die dokumentART. Ein Film ist für uns nicht das Ende einer Geschichte, sondern häufig ihr Anfang. Er kann Erinnerungen wecken, unterschiedliche Erfahrungen zusammenbringen und Gespräche über unsere Gegenwart anstoßen“, sagt Co-Festivalleiterin Lisa Siomicheva.

Denn die Fragen, die Go Clara Go aufwirft, reichen über die DDR-Kunstgeschichte hinaus: Wie frei kann und muss Kunst sein? Welche Freiräume braucht eine Gesellschaft? Was bedeutet Widerstand? Und welche Rolle können Kunst und Kultur spielen, wenn gesellschaftliche Verhältnisse als einengend empfunden werden?

Verbindung von regionaler Nähe und großen gesellschaftlichen Fragen

Diese Verbindung von regionaler Nähe und großen gesellschaftlichen Fragen zieht sich durch „Nah, Näher, Meck-Pomm“. In diesem Jahr richtet das Sonderprogramm den Blick besonders auf filmische Arbeiten von Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern und macht unterschiedliche weibliche Stimmen und Erfahrungen über Generationen hinweg sichtbar.

Bereits am 1. Oktober findet an der Hochschule Neubrandenburg ein interaktives Seminars mit der  Filmemacherin Laura Laabs statt. 2025 lief bei der dokumentART ihr viel beachteter Film Rote Sterne überm Feld. Jetzt stellt sie ihre Pilotserie „Freies Bier, freie Meinung“ vor – ein dokumentarisches Projekt über Meinungsfreiheit, politische Auseinandersetzung und das Erstarken rechtsextremer Strukturen. Gemeinsam mit Studierenden wird die Serie als Ausgangspunkt genutzt, um über demokratische Teilhabe, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit unterschiedlichen politischen Perspektiven zu diskutieren.

Auch die eigene Geschichte der dokumentART wird Teil des Sonderprogramms. Mit „Neubrandenburg, 1995“ von Ute Aurand wurde im Festivalarchiv ein filmisches Kleinod wiederentdeckt. Der fünfminütige, auf 16mm gedrehte Film zeigt poetisch und überraschend farbenfroh das Neubrandenburg der 1990er-Jahre – mit alten Plakaten, verschwundenen Orten und Momenten einer Stadt im Wandel. Der Film entstand 1995 im Auftrag der dokumentART und wird nun wieder auf einem 16mm-Projektor zu sehen sein.