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Ines Burdow, Wolfgang Kohlhaase, Bastienne Voss, Grit Schmitt und Emöke Pöstenyi (von links).
Emöke Pöstenyi und ihr Mann Wolfgang Kohlhaase zu Gast in Mirow.

Für mich als bescheidenen Vertreter der schreibenden Zunft und großen Freund des geschriebenen Wortes war es ein unvergessliches Erlebnis, gestern in Mirow dem Altmeister des deutschen Drehbuchs Wolfgang Kohlhaase begegnen zu dürfen. Eine Freude, die ich mit wohl allen Besuchern der Lesung in Festsaal des Schlosses geteilt habe. Es war ein großer Abend, eine Sternstunde der Literatur! „Ihr Besuch macht uns stolz, ich könnte vor Glück heulen“, hatte der ortsansässige Buchhändler Peter Schmitt als Einlader den prominenten Gast und seine nicht minder berühmte Gattin Emöke Pöstenyi begrüßt, und mir ging es ähnlich.

Dass es der Höhepunkt der 2. Mirower Kultur- und Literaturtage wurde, ist auch den Schauspielerinnen und Autorinnen Ines Burdow und Bastienne Voss zu danken, die aus Kohlhaases Erzählband „Erfindung einer Sprache“ versiert vortrugen. Eine Zuhörerin sagte später im Gespräch, deren Kunst zu lesen sei beeindruckend gewesen. Man habe das Gefühl gehabt, die literarischen Personen stünden vor einem. Dem kann ich mich nur anschließen. Auf mein aufrichtiges Kompliment, dass für diesen gelungenen Auftritt offensichtlich intensiv geprobt wurde, entgegneten die beiden Miminnen, dass man einen Kohlhaase auch nicht einfach nur vorlesen könne. Wenn die Kritik völlig zu Recht von einem Meisterwerk schreibt, dann trifft das auch und vor allem auf die Titelgeschichte zu. Ein KZ-Häftling behauptet Persisch zu können, um dem sicheren Tod zu entrinnen. Nun soll er dem Kapo, der nach Kriegsende nach Persien will, Unterricht geben, und er erdenkt eine lebensrettende Sprache.

Eine gute Geschichte sollte etwas für die Phantasie tun

Nach langem Applaus kam, was wir alle erhofft haben. Wolfgang Kohlhaase verließ seinen Platz unter den Zuhörern und setzte sich zu Ines Burdow und Bastienne Voss. Er dankte bewegt für die Anerkennung, die ihm zuteil geworden war, und konterte mit dem Kalauer „Wie Du Mirow, so ich Dirow“. Dann las der 90-Jährige mit der ihm noch immer eigenen Brillanz selbst eine kleine Geschichte. Was ist seine Motivation beim Schreiben? „Man sollte etwas, was einen berührt, am Leben halten und weitersagen.“ „Eine gute Geschichte sollte am Anfang neugierig machen auf ihr Ende. Das schafft Zeit, die Dinge zu erzählen. Und eine gute Geschichte sollte etwas für die Phantasie tun.“ Er habe zunächst gern gelesen und daraus sei das Bedürfnis zu schreiben geboren worden, verriet uns Kohlhaase. Er arbeite an seinen Geschichten mit viel Freude, aber auch mit aller Sorgfalt. „Da darf nichts falsch sein daran.“

Ines Burdow (links) und Bastienne Voß sorgten für einen Hörgenuss.

Wir hingen förmlich an seinen Lippen. Natürlich gönnte sich Wolfgang Kohlhaase als der Fachmann auch einen Seitenhieb auf das Kino. Er sitze häufig genug in Filmen, „wo ich nach 20 Minuten immer noch nicht weiß, was der Streifen von mir will“. Und ein sicherer Weg sich kennenzulernen sei, wenn man den selben Film schlecht findet wie sein Sitznachbar. Schließlich erinnerte Wolfgang Kohlhaase an seine Deutschlehrerin Fräulein Müller 1946 in der Mittelschule. Die habe damals nicht aufgegeben, Fontanes Effi Briest an ihre kaum aufnahmebereiten Schüler zu bringen. „Ich danke es ihr bis heute.“ Und auch wir, die wir gestern ins Mirower Schloss gekommen waren, danken es Fräulein Müller von Herzen.

Die vor Energie sprühenden Organisatoren Grit und Peter Schmitt hatten noch eine gute Nachricht zu verkünden. Emöke Pöstenyi wird im Herbst nach Mirow zurückkehren und aus ihrem Buch lesen. Ich habe ausgiebig mit dem einstigen Star des DDR-Fernsehballetts geplaudert, Erinnerungen ausgetauscht, und freue mich auf das Wiedersehen.

Die 2. Mirower Kultur- und Literaturturtage, zu denen gestern auch eine Veranstaltung mit Wolfgang Kohlhaase, Emöke Pöstenyi, Bastienne Voss und Ines Burdow im Neustrelitzer Gymnasium Carolinum gehörte, klingen mit Kindertheater und dem wunderbaren Film „Grasgeflüster“ heute aus. Morgen an dieser Stelle ein Resümee der Woche und ein Ausblick auf den Literaturherbst in Mirow.