Zum 77. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus haben am heutigen Montag Schüler*innen der 3. und 4. Klasse der Evangelischen Grundschule mehrere „Stolpersteine“ in der Innenstadt von Neustrelitz gereinigt und den Jüdischen Friedhof besucht. Museumsmitarbeiter Patryk Tomala vom Kulturquartier hatte die Idee zu der interaktiven Geschichts-Aktion und vermittelte den Kindern während des Stadtrundgangs einiges über jüdisches Leben in Neustrelitz, die Verfolgung von Juden und die Initiative „Stolpersteine“.
Am 27. Januar begeht die Öffentlichkeit weltweit den Holocaust-Gedenktag. In Neustrelitz werden an diesem Tag um 10 Uhr Kränze der Stadt und der Stadtvertretung am Mahnmal für die Opfer des Faschismus niedergelegt. Aus Gründen der Pandemie findet keine öffentliche Gedenkveranstaltung statt. Ein stilles Gedenken an diesem Tag, bei dem auch Blumen abgelegt werden, ist möglich.
In Mirow ist heute Mittag an die Pogromnacht vom 9. November 1938 erinnert und der Opfer des Holocaust gedacht worden. Menschen versammelten sich unter dem Geläut der Glocken der Johanniterkirche vor dem ehemaligen Haus der jüdischen Familie Rosenberg Schlossstraße/Ecke Mühlenstraße, vor dem „Stolpersteine“ an die Geschehnisse vor 83 Jahren erinnern. Die Rosenbergs konnten seinerzeit ihr Leben retten. Barbara Lange verlas Namen von drei Mirowern, die in der Shoa, wie die Juden den Holocaust nennen, ermordet wurden.
Bürgermeister Henry Tesch bezeichnete den 9. November als einen „Erinnerungstag, der für uns heute noch die Brücke zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ist, so auch heute hier in Mirow. Vor mehr als 80 Jahren, am 9. auf den 10. November 1938, brannten die Synagogen. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa.“
Das Stadtoberhaupt dankte allen, die zu dem Gedenken gekommen waren, allen Unterstützerinnen und Unterstützern. „Gut, dass es diese gemeinsame Initiative der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Mirow und der Stadt Mirow heute gibt. Und sie wird es auch in Zukunft geben.“
Am 9. November 1938 in den Abendstunden versammelten sich Menschen aus Mirow vor dem Haus der jüdischen Familie Rosenberg. Sie wollten die Inhaber des beliebten Bekleidungsgeschäftes, Herbert und Hertha Rosenberg, drangsalieren und aus Mirow vertreiben. Seit 2018 erinnern „Stolpersteine“ an dieses Ereignis. Die Rosenbergs konnten ihr Leben retten.
Am morgigen 9. November 2021 versammeln sich wieder Menschen aus Mirow vor diesem Haus, diesmal, um die Stolpersteine für die Rosenbergs zu reinigen, um ihre Namen wieder sichtbar zu machen und um die Erinnerung an sie und das Unrecht, das ihnen geschehen ist, wach zu halten. Gemeinsam laden die Stadt und die Ev.-luth. Kirchengemeinde Mirow zu dieser Veranstaltung um 12 Uhr in der Schlossstraße/Ecke Mühlenstraße ein.
Die traditionelle Neubrandenburger Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht am 9. November 1938 konnte in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie geplant durchgeführt werden. Stattdessen legten Stadtpräsident Dieter Stegemann und Oberbürgermeister Silvio Witt heute in einer sogenannten stummen Veranstaltung ohne Gäste Kränze am Synagogenplatz nieder.
In einer aus Anlass des Gedenkens veröffentlichten Rede stellte der Oberbürgermeister heraus, dass Antisemitismus in Deutschland wieder verstärkt eine Rolle spiele. „Nicht erst seit dem Attentat in Halle fühlen sich viele Menschen jüdischen Glaubens nicht mehr sicher in Deutschland. Unsere Geschichte macht es uns zur Verantwortung, dagegen einzustehen.“ Gerade in sozialen Medien würden Beschimpfungen und Beleidigungen wieder alltäglich und fänden antisemitische Verschwörungstheorien Raum.
„Wir sollten das beklagen und kritisieren“, betonte Witt. „Das ist unsere gemeinsame Aufgabe, genau wie im Fall rassistischer, diskriminierender, oder frauenverachtender Kommentare, egal ob im Internet oder im täglichen Leben. Die Stimme derer, die solche Gedanken ablehnen, die für Akzeptanz und gegenseitigen Respekt stehen, muss ebenso laut und deutlich zu hören sein.“ Die komplette Rede von Silvio Witt hier im Anhang.
In Kooperation mit den SPD-Ortsvereinen Neustrelitz und Mirow reinigt Johannes Arlt, Bundestags-Bewerber der SPD im Wahlkreis 17, am 9. November die in Neustrelitz und Mirow verlegten Stolpersteine und entzündet Kerzen zum Gedenken an die Opfer der des Nationalsozialismus. Johannes Arlt bereist 82 Jahre nach der sogenannten Reichspogromnacht alle im Gebiet des Bundestagswahlkreis 17 verlegten Stolpersteine, darunter auch in Waren, Röbel, Malchow, Penzlin und Gnoien.
In Neustrelitz lebten nach Angaben des Informationsportals „Juden in Mecklenburg“ 1938 nur noch etwa 25 jüdische Bürger. In der Reichspogromnacht kam es in Neustrelitz zu zahlreichen Aktionen. So wurden mindestens drei Geschäfte zerstört, jüdische Bürger misshandelt und in „Schutzhaft“ genommen. In den Morgenstunden des 10. November 1938 wurde die Synagoge in Alt-Strelitz durch SA-Leute in Brand gesetzt, so dass diese völlig ausbrannte, weil die Feuerwehr am Löschen gehindert wurde. Daneben wurden die jüdischen Friedhöfe in Alt-Strelitz und Neustrelitz geschändet. Am 10. Juli und 11. November 1942 wurden die verbliebenen Neustrelitzer Bürger jüdischen Glaubens im Rahmen landesweiter Aktionen deportiert; die meisten von ihnen fielen der Schoah zum Opfer.
In der Reihe „Die Erinnerung darf nie enden“ wird am kommenden Sonntag, den 2. Februar, um 16 Uhr, in der Alten Kachelofenfabrik in Neustrelitz ein besonderer Film vorgeführt: „The essential Link – Die Geschichte des Wilfried Israel“. Der Regisseur Yonatan Nir ist zum Filmgespräch anwesend.
In Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für Politische Bildung und dem Engelschen Hof in Röbel kommt der Film zur Aufführung, der vom heute nahezu vergessenen Schicksal des Berliner Kaufhaus-Besitzers Wilfrid Israel handelt, der während der Nazi-Zeit tausenden Juden die Flucht aus Deutschland ermöglichte. Er war es auch, der noch vor Kriegsbeginn 1938/39 über 10.000 jüdischen Kindern ermöglichte, vom Anhalter Bahnhof in Berlin aus nach London zu reisen.
Der israelische Dokumentarfilmer Yonatan Nir zeichnet den Lebensweg Wilfrid Israels nach, spricht mit Zeitzeugen und Nachfahren. „So ist ein bewegendes Porträt eines außergewöhnlichen Mannes entstanden, auf das wir sehr gespannt sein dürfen“, erklärte Kinoleiter Horst Conradt.
In der Reihe „BiboKino“ zeigt der Förderverein der Regionalbibliothek Neubrandenburg an jedem 3. Dienstag im Monat interessante Filme, die in der Region, in Vereinen, Initiativen oder Bildungseinrichtungen entstanden sind. Das erste „BiboKino“-Angebot im Jahr 2020 erinnert anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz und des Internationalen Holocaust-Gedenktages am 27. Januar an eine berührende Geschichte von den Spuren des Holocaust hier „vor unserer Haustür“.
Schüler des Richard-Wossidlo-Gymnasiums erzählen davon – mit Unterstützung der RAAbatz-Medienwerkstatt – in ihrem Dokumentarfilm „Gerdas Geheimnis“ am 21. Januar um 17 Uhr. Die jungen Leute suchten 2015 nach Spuren der jüdischen Familien, die bis zum Holocaust in Waren zu Hause waren. Dabei stießen sie auch auf die Lebensspuren der letzten Jüdin aus Waren – und auf „Gerdas Geheimnis“:
Ein Live-Konzert mit Manifest Potsdam gibt es am kommenden Sonnabend, den 18. Januar, um 19.30 Uhr, in der Alten Kachelofenfabrik Neustrelitz. Gegründet 1973 als Zentrale Kulturgruppe der Pädagogischen Hochschule Potsdam, entwickelte Manifest Potsdam mit seinen fünf Bandmitgliedern seit Beginn der 90-er Jahre eine regional anerkannte Interpretation jiddischer Musik.
Das Repertoire der Gruppe umfasst vor allem Lieder und Tänze der Juden Osteuropas. In ihrem Programm „Mit Tränen aber kann man keine Tränen stillen“ erzählen sie eine fiktive jüdische Lebensgeschichte, inspiriert von Briefen, Erzählungen und Texten des jüdischen Autors Joseph Burg. Ihr Repertoire umfasst darüber hinaus jiddische Lieder, Geschichten und Tänze zu allen Lebens-Gelegenheiten. Zur Gruppe gehören Marian Herrmann (Bass), Holger Kapp (Gitarre, Mandoline, Gesang), Harald Petzold (Fidl (Violine, Viola), Gesang), Marcus Pilarski (Cello, Gesang) und Thomas Wehling (Gitarre, Gesang, Percussion).
Im Gedenken an die Pogromnacht von 1938 findet am morgigen Sonnabend, den 9. November, um 16 Uhr, am Neuen Tor (innenstadtseitig) eine Veranstaltung der Stadt Neubrandenburg statt. In unmittelbarer Nähe zum Neuen Tor befindet sich der Stolperstein von Else Kallmann, die in der Neutorstraße 34 wohnte. Insgesamt gibt es fünf dieser Stolpersteine in der Stadt, die im Rahmen des gleichnamigen Kunstprojekts von Gunter Demnig in Neubrandenburg verlegt wurden. Mit ihnen soll Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden, die in Neubrandenburg lebten und wirkten.
Oberbürgermeister Silvio Witt und Stadtpräsident Dieter Stegemann
laden die Einwohner der Stadt Neubrandenburg ein, an der
Gedenkveranstaltung teilzunehmen und gemeinsam mit Vertretern der
Fraktionen der Stadtvertretung und der Stadtverwaltung der
jüdischen Opfer zu gedenken.
Bitte Straßensperrung beachten
Im Zusammenhang mit der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht werden die Neutorstraße und die Ringstraße auf Höhe des Neuen Tores am 9. November in der Zeit von 15.30 bis 17 Uhr für den Fahrzeugverkehr voll gesperrt. Aus diesem Grund werden die Ringstraßen jeweils als Sackgasse beschildert und die letzten beiden Stellflächen in der Neutorstraße gesperrt.