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Jonas Münchgesang (rechts) als Psychologe Kris Kelvin und Momo Böhnke als Kommandant Gibarian mit dem Opernchor. Fotos: Christian Brachwitz
Jonas Münchgesang mit Tänzerinnen und Tänzern.

Ganz großes Theater gestern Abend am Landestheater Neustrelitz! „Solaris“, das Requiem für einen Planeten, in der Theaterfassung von Gregor Edelmann nach dem gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem erlebte seine Uraufführung. Mit minutenlangem Beifall und Jubelrufen wurde das spartenübergreifende Kooperationsprojekt von Schauspiel und Opernchor der Theater und Orchester GmbH, Deutscher Tanzkompanie und des PMD Art Labors für darstellende Kunst und Digitalität bedacht. Die Inszenierung hat Schauspieldirektorin Tatjana Rese besorgt, die Choreografie Lars Scheibner.

Eine Produktion, die einmal mehr die hohe Leistungskraft am Theaterstandort Neustrelitz belegt und geeignet ist, für ihn über die Region hinaus zu werben. Zugleich macht „Solaris“ in seiner bestechenden künstlerischen Qualität uns Strelitzer, die wir unser Theater vor noch nicht so langer Zeit gegen die „Reformer“ in Schwerin verteidigt haben, auch ein bisschen stolz. Bessere Argumente für die kürzlich verkündete Verlängerung des Theaterpaktes mit dem Land kann es nicht geben. Schade, dass die Hygieneauflagen nur gelichtete Reihen im Parkett und auf dem Rang zuließen. Dieser Höhepunkt in der noch jungen Theatersaison hätte ein volles Haus verdient.

Bei aller Vorfreude auf den Theaterabend nach langer, coronabedingter Abstinenz und bei allem Applaus für die überaus gelungene Aufführung waren es bedrückende eineinhalb Stunden, nach denen wir fast befreit und aufgewühlt das Bühnenhaus verließen. Noch heute Morgen am Frühstückstisch hat uns das Stück beschäftigt. „Solaris“, das ist nichts weniger als der Abgesang auf unseren Heimatplaneten. Wir werden gewesen sein. Immerhin, der Psychologe Kris Kelvin, toll gespielt von Jonas Münchgesang, hat uns ein kleines bisschen Hoffnung mit auf den Weg gegeben, indem er sich nicht mehr an die „Spielregeln“ hält.

Jonas Münchgesang und Lisa Scheibner als Kelvins geliebte Harey.

„Solaris“ in der Theaterfassung hält uns einen Spiegel vor, das Stück kann heutiger nicht sein. Ich habe den Roman schon als Jugendlicher gelesen. Und „Gast im Weltraum“. Und „Der Unbesiegbare“. Und „Die Jagd“. Alle diese Titel stehen noch heute in meiner Bibliothek. Unglaublich, wie visionär Stanislaw Lem war, Science-Fiction-Autor und Philosoph in einer Person. Was sich mir vor 50 Jahren noch gar nicht so erschlossen hat, auch wenn ich die Bücher verschlungen habe. Gut, dass die Theater und Orchester GmbH anlässlich des 100. Geburtstages Lems mit der Inszenierung und weiteren Veranstaltungen an einem Lem-Wochenende in Neustrelitz und Neubrandenburg (17. bis 19. September) an den großen Polen erinnert. Gregor Edelmanns Verdienst ist es, Lem weitergedacht zu haben: „Was, wenn alle diese Toten wiederkämen? Und uns ihre Schuld ins Gesicht schreien würden? Was, wenn wir es nicht schaffen, unsere Aggressivität in den Griff zu bekommen? Wenn es uns nicht gelingt, die Selbstzerstörung unseres Planeten zu stoppen? Alles Fragen, die sich uns heute stellen, existentiell, endgültig. Unsere Zeit für Antworten läuft ab. Das Theater muss ein Ort dieser Suche sein, oder wir können es schließen.“

Jonas Münchgesang, Lisa Scheibner, Thomas Pötzsch, Frank Metzger, Daniel Adolf, Momo Böhnke und Angelika Hofstetter bringen eine Ensembleleistung in hoher Dichte auf die Bühne. Keine Sekunde entlassen sie ihr Publikum aus der Hochspannung, hypnotisieren regelrecht, das ist schon Schauspielkunst vom Feinsten. Tänzerinnen und Tänzer als Ausgeburten der Phantasie, der von Daniel Klein einstudierte bedrohliche Opernchor, Marcus Doerings geniale Videochoreografie, unlängst mit dem Landeskulturpreis gewürdigt, und nicht zuletzt Kantor Lukas Storch virtuos an der Orgel tragen wesentlich zum Erfolg von „Solaris“ bei. Die sparsame, aber nicht minder intelligente Ausstattung (Norbert Bellen) sorgt zusätzlich für Fokussierung. Kurzum: Alle Register werden gezogen für ein Theatererlebnis, wie es nicht alle Tage zu haben ist.

Weitere Vorstellungen: 17. und 18. September sowie 9. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, im Landestheater Neustrelitz.

Tänzerinnen und Tänzer der Deutschen Tanzkompanie, auf dem Steg Angelika Hofstetter als Retrochronie und rechts an der Orgel Lukas Storch.