Schlagwörter

, , , ,

Mein Blogfreund Gerhard Schneider aus Krümmel hat mich heute Morgen überrascht. Gerät er mir sonst mit kurzen Kulturnachrichten in die Schreibstube, so hat er diesmal unter dem Titel „Ein Hilferuf“ einen längeren Brief verfasst. Er fragt an, ob ich seine Zeilen denn veröffentlichen würde. Prinzipiell, nichts dagegen zu sagen. Nun könnte ich sie unter die Kommentare einreihen. Aber nach dem zweiten Lesen des Aufsatzes bin ich endgültig zu der Auffassung gelangt, dass hier Gedanken geäußert werden, die vielleicht viele Menschen in diesen Tagen bewegen. Also habe ich mich entschlossen, dem Text den Platz zu schenken, der ihm wohl auch gebührt. Und bin gespannt auf die Reaktionen meiner Leser…

„Ein Hilferuf“,
wen wähle ich am 26. September?

Wir, Freunde und Bekannte, sitzen zusammen, reden wie man so sagt „über Gott und die Welt“. Weniger über Gott, mehr über die Welt. Erst sprechen wir über Familie, Garten, nähern uns den Krankheiten. Bis dann eine/einer sagt: Genug! Über Krankheiten reden ist in meinem und im Alter vieler meiner Freunde nicht ungewöhnlich. Auch wenn wir mehr in der Gegenwart leben und der Vergangenheit nachhängen, die Zukunft, das Morgen bewegt uns doch. Da sind unsere Kinder und Enkel. Wir sehen ihr Leben und ihren Weg.

Ja, die Zukunft.

Wie soll sie werden?

Natürlich besser als das, was uns heute bedrückt. Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr so ist, wie es früher war. 

Und dann die Frage in die Runde: „Wen wählst du?“

Man kennt sich viele Jahre und man glaubt im Grunde die Anschauungen und die „politische Heimat“ der Freunde zu kennen. Man druckst herum. Bald ist klar, es gibt eine allgemeine Verunsicherung. Klar wird auch, ob man Merkel mochte oder nicht, sie hatte etwas, was ansprach. Mit ihrer Partei brachte man sie erst in zweiter und dritter Linie zusammen. Sechzehn Jahre, man hatte sich so an sie gewöhnt. Nun ist Schluss. Was tun?

Im Gespräch scheint es so, man weiß, nichts bleibt so, wie es war. Doch was im Angebot für die Wahlen ist, ist kaum Neues. Kaum anderes Personal. Programme, die mit größter Wahrscheinlichkeit die Zeit der Regierungsbildung nicht überstehen werden. Politischer Wahlkampf war gestern oder vorgestern. Das Spitzenpersonal der Parteien ist schon so lange im Geschäft wie unsere großen Enkel alt sind.  Wer über Jahrzehnte Verantwortung in der Regierung hatte und nun verbal so tut, als würde sich mit seiner Wahl Grundlegendes ändern in der Gesellschaft, sollte sich selbst nach seiner Glaubwürdigkeit fragen.

Also wen soll ich wählen, wohl wissend, am Morgen nach dem Wahlabend bin ich nicht mehr gefragt und die Parteien müssen mit dem fertig werden, was der Wähler für sie „angerichtet“ hat?

Ich möchte, dass sich etwas ändert. Dass wirklich neue Wege beschritten werden. Dass man nicht über Maßnahmen zur Sicherung unserer Umwelt nur redet, sondern ernsthaft handelt. Ich möchte, dass meine Enkel in gut ausgestattete Schulen gehen können, wo ausreichend Lehrer da sind und Lehrmaterialien vorhanden. Ich möchte einen öffentlichen Nahverkehr nutzen können, der seinen Namen verdient. Ich möchte eine medizinische Versorgung, die nicht wirtschaftlichen Gesichtspunkten folgt, sondern Kranke gesund macht. Ich möchte, dass Wohnraum und Immobilien keine Spekulationsobjekte sind. Dass Arbeit gerecht bezahlt wird.

Und last but not least, dass die internationalen Beziehungen sich entspannen. Die Bundesrepublik hatte einmal mit Walter Scheel, Willy Brandt und Egon Bahr Politiker, die Gespräche führen konnten, ihr Gegenüber nicht verteufelten, sondern sich in sie hineinversetzten und nicht in Nibelungentreue von einem politischen Desaster in das Nächste stolperten. Frieden.

Wen sollte ich nun wählen?

Können Sie mir raten?

Gerhard Schneider