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Marco Zabel, Stefan Guzu und Klaus Salewski „gratulieren“ vor dem Fritz-Reuter-Literaturmuseum in Stavenhagen.

An den Denkmälern in Stavenhagen und Neubrandenburg ist mit Blumen des 210. Geburtstages von Fritz Reuter am 7. November gedacht worden. In der Viertorestadt hatten es sich weder die Fritz-Reuter-Gesellschaft, noch
Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt nejhmen lassen zu „gratulieren“. Und trotz coronabedingter Absage der Ehrungsveranstaltung hatten einige Reuter-Freunde den Wall aufgesucht, um – natürlich mit
Abstand – dabei zu sein, wie mir mein Blogfreund Marco Zabel, Leiter des Reuter-Literaturmuseums Stavenhagen, berichtet. Eine ebenso stille Zeremonie gab es in in Stavenhagen mit Bürgermeister Stefan Guzu und dem Stadtpräsidenten Klaus Salewski.

Zum 7. November gehört bereits über 20 Jahre eine Festveranstaltung, an die im Corona-Jahr nun aber nicht mehr zu denken war: weder zur Verleihung des 22. Fritz-Reuter-Literaturpreises, noch mit Blick auf den 60. Geburtstag des Fritz-Reuter-Literaturmuseums. So wurde die Urkunde für den Preisträger 2020, Gisbert Strotdrees, Historiker und Redakteur aus dem westfälischen Münster, für sein 2018 im Ardey Verlag erschienenes Buch „Im Anfang war die Woort – Flurnamen in Westfalen“ per Post „überreicht“ – ein Novum. Das Preisgeld von 2.000 Euro wird überwiesen.

Pünktlich am Sonnabendnachmittag kam der Brief aus Mecklenburg
in Münster an. Was folgte, war ein langes Videotelefonat, in dem
Preisträger und Museumsleiter natürlich über Reuter, vor allem aber über
die gemeinsamen Pläne für das nächste Jahr sprachen.
Auch ohne die noch ausstehende Laudatio überraschte Gisbert Strotdrees
mit einer launigen Dankrede in Briefform, gerichtet an die Preisjury. Auszugsweise ein paar Zitate: „Auch ohne Feier, auch ohne Reden, Sekt und Musik bleiben mein Dank und meine Freude über diese Auszeichnung – und ich staune darüber noch immer:

Ein Literaturpreis ausgerechnet für ein Buch über Flurnamen, also über
eine denkbar unliterarische Sprachform.

Ein Literaturpreis, vergeben in Mecklenburg an einen aus Westfalen,
und das im dreißigsten Jahr der deutschen Vereinigung: Für Menschen
meines Jahrgangs ist auch das immer noch ein Grund zum Staunen, zum Dank und zur Freude!

Gisbert Strotdrees

Ein Literaturpreis für das Niederdeutsche – für eine Sprachwelt also, in der ich aufgewachsen bin, in der ich aber selbst kaum gesprochen habe, zumindest kein Niederdeutsch.“ Später führt er aus, wie er selbst erfahren hat, daß „Niederdeutsch und Literatur zusammenpassen“. Und wie ihn literarische Beschreibungen der mecklenburgischen Landschaft faszinierten. „Damals habe ich gedacht: „Diese Landschaft würde ich gern einmal näher kennenlernen.“ Wer ihm aber gesagt hätte: „Du wirst mal in Stavenhagen einen Literaturpreis für ein Flurnamenbuch entgegennehmen!“, „den hätte ich für verrückt erklärt – nicht nur wegen des Literaturpreises, und nicht nur wegen der Aussage, ich könnte mal ein Buch über Flurnamen schreiben… Wer sich mit Flurnamen befasst, läuft ja leicht Gefahr, heimattümelnde Wortklauberei zu betreiben. Nichts lag mir ferner, 1985 und auch später. Erst allmählich habe ich das Besondere der Flurnamen und ihren Wert als historisch-landeskundliche Quelle erkannt:

Flurnamen konservieren eine größtenteils untergegangene Sprachwelt, in Westfalen und Nord(west)deutschland eine weitgehend niederdeutsche. Flurnamen bezeugen den Wandel der Natur und Landschaft sowie deren Wahrnehmung durch eine niederdeutsch sprechende Bevölkerung.

Vor allem aber: Flurnamen sind, von Ausnahmen abgesehen, die einzigen sprachlichen Zeugnisse, die eine ländlich-bäuerlich geprägte
Bevölkerungsmehrheit früherer Jahrhunderte hinterlassen hat. Diese
Mehrheit wäre vollends stumm geblieben ohne das Echo ihres Sprechens und Handelns, das in den Flurnamen nachhallt und das wir noch heute
vernehmen können – vorausgesetzt, wir hören genau hin.
Von diesen Dingen hätte ich Ihnen gerne in Stavenhagen berichtet. Aber
ärgerlicherweise hält uns nun keine tote Mauer auf Abstand, sondern
ausgerechnet ein sehr vitales Virus. Corona macht jede unmittelbare
Begegnung unmöglich“, so Gisbert Strotdrees.

Die dunkle Corona-Wolke werde irgendwann verzogen sein, ist sich der Preisträger sicher. Schon jetzt freue er sich darauf, seinen Besuch in
Stavenhagen nachzuholen. Vielleicht gelinge es ja schon im kommenden Frühjahr, beispielsweise zum UNESCO-Tag der Muttersprache.

Das Reuter-Denkmal in Neubrandenburg auf dem Wall.