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Fotos: Hochschule Neubrandenburg

Über 60 Bürger*innen aus Neubrandenburg und der Region Mecklenburgische Seenplatte haben an einem Austausch zu Perspektiven der Erinnerungsarbeit teilgenommen. Er fand auf Einladung der Hochschule Neubrandenburg im ehemaligen Außenlager des KZ Ravensbrück im Wald bei Neubrandenburg statt, das nicht frei zugänglich ist (Strelitzius berichtete).

Nach persönlichen Grußworten von Peter Modermann, 1. Stellvertretender Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg und Prof. Gerd Teschke, Rektor der Hochschule Neubrandenburg, erinnerte Dr. Constanze Jaiser an die Anfänge der Entwicklung des ehemaligen KZ-Außenlagers als Gedenkort nach der politischen Wende. Mit dem Projekt „zeitlupe | Stadt.Geschichte & Erinnerung“ wurden von der RAA MV z.B. Materialien aus dem Stadtarchiv und dem Regionalmuseum Neubrandenburg ausgewertet und aufbereitet sowie Zeitzeugen befragt. Im Rahmen eines weiteren RAA-Projekts wurde im vergangenen Jahr ein Nutzungskonzept für das Land Mecklenburg-Vorpommern entwickelt.

Einladung zur Biografiearbeit

Aus diesen Projekten entstand eine Materialsammlung mit internationaler Perspektive. Diese soll die Lehrenden heute bei ihrer Tätigkeit für eine lebendige, mit Beteiligung der Betroffenen, gemeinsam zu erarbeitende regionale Erinnerungskultur unterstützen, aber auch zur eigenverantwortlichen Biografiearbeit von Bürgerinnen und Bürgern einladen. Ein weiteres Beispiel der Arbeit ist der actionbound: Zwangsarbeit in Neubrandenburg, eine Bildungsralley für Smartphones.

Prof. Júlia Wéber

Mit ihrem Vortrag über Demokratiegefährdungen heute und dem Auftrag, diesen, mit Bildung für Erinnerungsarbeit und mit Gedenkstättenpädagogik als Handlungsfeld Sozialer Arbeit, entgegenzuwirken, stellte Prof. Júlia Wéber den „strukturellen Rassismus“ gestern und heute in den Fokus. Mit rassistischen Praktiken, wozu auch Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen zählen, würden Menschen fremd gemacht. Dabei sei auch institutioneller Rassismus auf einen Verstärkungsraum angewiesen. Sie betonte die rassismuskritische Haltung als Horizont von Hochschullehre in den Studiengängen des Fachbereich SBE und skizzierte spannende Möglichkeiten der Zusammenarbeit der anwesenden Institutionen und Akteur*innen in der Region. Gesellschaftliches Engagement und Reflexionen darüber sind grundlegend für eine starke Demokratie.

Bedeutend für politische Bildung von Schülern

In der anschließenden Podiumsdiskussion betonte Harald Menning, Leiter des Forstamtes Neubrandenburg, die Notwendigkeit der Entwicklung des Gedenkortes mit Sensibilität gegenüber Geschichte und Natur. Georg Kahl, Jugendoffizier der Bundeswehr stellte die Bedeutung des Ortes für die politische Bildung von Schülerinnen und Schülern in den Fokus. Nach dem Motto „eine lebendige Erinnerungskultur erfordert lebendiges Aushandeln“ möchte die Projektleiterin von zeitlupe, Dr. Constanze Jaiser, das ehemalige KZ-Außenlager Waldbau mit kreativen Formaten als Gedenkort weiterentwickeln und für mehrere Veranstaltungen im Jahr öffnen.

Peter Modermann erläuterte die Möglichkeiten der Stadt Neubrandenburg und die Chance von Bündnissen, weitere Gelder etwa über den Strategiefond des Landes Mecklenburg-Vorpommern einzuwerben. Ein Radweg Neubrandenburg/Neustrelitz zur Erschließung des an der B 96 befindlichen Ortes, von den Anwesenden mehrfach eingefordert, müsse sowieso geplant werden. Er berichtete, bei Gesprächen mit dem Landkreis – z.B. bei den nicht öffentlichen Runden Tischen zur Entwicklung des ehemaligen KZ-Außenlagers als lebendigen Gedenkort – dafür zu werben.

Mitwirkungsmöglichkeiten angefragt

Am Ende der Veranstaltung wurde von Bürgerinnen und Bürgern die Entstehung eines Aktionsbündnisses diskutiert. Pragmatisch wurde nach konkreten Mitwirkungsmöglichkeiten der Bundeswehr und der Hochschule Neubrandenburg sowie weiteren Partnern bei Freiwilligeneinsätzen gefragt. Außerdem müsse weiter nach Biografien und den Inhaftierungsgründen der Zwangsarbeiterinnen recherchiert werden. Einen Gedenktourismus sollte es nicht geben, eine marktkonforme Demokratie auch nicht. Für Prof. Júlia Wéber zeigt das engagierte Interesse der anwesenden Bürgerinnen aus Neubrandenburg und der Mecklenburgischen Seenplatte, dass die lokale Bevölkerung aus verschiedenen Generationen sich an der „partizipativen Ausgestaltung“ der Erinnerungsarbeit an diesem Ort beteiligen möchte.