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Foto: Kulturquartier MST

Die Geschichte der sogenannten Prillwitzer Idole gehört zu den berühmtesten Kriminalfällen der Archäologie, denn die Figuren stellen die spektakulärste Kunst- und Geschichtsfälschung unserer Region dar. Die Hauptfigur in diese Gaunergeschiche ist – neben seinem Bruder Jacob – der damals 20-jährige Goldschmied Gideon Sponholz, dessen Geburtstag sich am 17. April 2020, also in der zurückliegenden Woche, zum 225. Mal jährte. Darauf macht jetzt das Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz aufmerksam.

Bei den Prillwitzer Idolen handelt es sich um einen vermeintlichen Fund diverser Götterfiguren und Kultobjekte aus Metallguß, die angeblich slawischer Zeit entstammen sollten. 1768 tauchten sie erstmal in der Öffentlichkeit auf. Die Neubrandenburger Goldschmiedebrüder Sponholz behaupteten, ihre familiären Vorfahren hätten die Figuren im Prillwitzer Pfarrgarten an der Lieps gefunden.

Der Fund war so spektakulär, weil in ihm ein Beweis für die Lagebestimmung des wichtigen Zentralheiligtums der Slawen, des legendenumwobenen Ortes Rethra, gesehen wurde. Die Existenz und Gestalt der Tempelburg Rethra war über mittelalterliche Texte nachgewiesen. Im 10. und 11. Jahrhundert war Rethra der politische und religiöse Mittelpunkt der Lutizen, einer Kultgemeinschaft slawischer Stämme.

Die vermeintliche Götterfund erregte internationales Interesse. Auch Mecklenburger Adel, Ritterschaft und Fürstenhaus sahen in den Figuren einen Sensationsfund, konnte er doch als Bestätigung und Legitimation ihrer „uralten“ slawischen Wurzeln genutzt werden.

1771 erschien die erste bebilderte Publikation zu den Figuren unter dem Titel „Gottesdienstliche Alterthümer der Obotriten aus dem Tempel zu Rethra am Tollenzer See“. Das Werk wurde der aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz stammenden Charlotte, Königin von Großbritannien, gewidmet. Wo genau sich das slawische Heiligtum Rethra befand, ist bis heute ungewiss.

Die Brüder Sponholz selbst waren die Erfinder und Schöpfer der vermeintlich heiligen, slawischen Skulpturen und Objekte. Sie versprachen sich von dem Coup öffentliches Ansehen und finanzielle Gewinne. Das Besondere an den Figuren sind vor allem gestalterische Skurrilität, Witz und Phantasiereichtum.

Bereits kurz nach Erscheinen der Figuren regten sich zweifelnde Stimmen, die die Echtheit der Götter in Frage stellten, u.a. aufgrund des Größenunterschieds der Fundstücke zu den in der mittelalterlichen Literatur beschriebenen Göttern. Im 19. Jahrhundert äußerten Gelehrte immer häufiger Zweifel an der Authentizität der Götzenbilder. Diese stützten sich nun v.a. auf stilkritische Beobachtungen, z.B. wurden renaissance- und barockzeitliche Motive identifiziert, die keinesfalls slawischen Ursprungs sein konnten. Auch große Namen bezeichneten die Idole überwiegend als Fälschungen, wie Konrad Levezow, Jacob Grimm und sogar der Arzt Rudolf Virchow.

Wo sind die Prillwitzer Idole heute?

Die Prillwitzer Idole gelangten in der Zeit der französischen Besatzung 1810 nach Neustrelitz und wurden dort der Herzoglichen Bibliothek zugeordnet. Sie bildeten dort, zusammen mit echten Altertümern der Sponholzbrüder, den Grundstock des Großherzoglichen Museums. 1934 wurden die Idole zusammen mit der gesamten Museumssammlung und der Bibliothek vom Schloss in das Parkhaus umgelagert, 1950 gingen sie nach Schwerin.

Sechs der Figuren sind als Leihgabe in der Dauerausstellung des Kulturquartiers Mecklenburg-Strelitz ausgestellt. Für den Herbst 2020 ist in Neustrelitz eine „Kinderuni mit Workshop“ zu den Prillwitzer Idolen sowie ein Abendvortrag mit der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Henrike Haug geplant.