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Hohenzieritz, Kultur, Mecklenburg-Strelitz, Museum, Neustrelitz
Die Wogen zwischen Verteidigern und Neugestaltern der Louisen-Gedenkstätte in Hohenzieritz scheinen erst einmal etwas geglättet. Vielleicht eine Art Burgfrieden. Am Ende gab es sogar höflichen Applaus für einen wie erwartet brillanten Vortrag der Experten Dr. Friederike Drinkuth und Dr. Jörg Meiner. Besonders auf die Annalise-Wagner-Preisträgerin, die ich vor Jahren bei der Sanierung des Mirower Schlosses kennen und schätzen gelernt habe, hatte ich mich gefreut. Ich wurde am heutigen Dienstagabend im Neustrelitzer Kulturquartier einmal mehr nicht enttäuscht.
Die Frau hat es einfach drauf, für ihre Arbeit zu werben, und hat sich gleich ihrem Mitstreiter souverän geschlagen. Zum Abschied sagte sie mir noch, dass letztlich die Besucher entscheiden werden, ob das neue Konzept für diese so ganz besondere Gedenkstätte mit Kultstatus fruchtet. „Ein bisschen ist es wie auf hoher See.“ Am 3. Juni wird wiedereröffnet, die Macher stehen mächtig unter Zeitdruck, wie zu erfahren war. Mit der etwas nassforschen Formel von Stefan Wenzl, zuständiger Abteilungsleiter im Finanzministerium, derartige Experten könnten sich nicht irren und die Skeptiker sollten mal einfach Vertrauen in die Schlösserverwaltung haben, war hingegen wenig anzufangen. Da sind Drinkuth und Meiner wesentlich diplomatischer vorgegangen und haben, Gott sei Dank, auch das Gros der Diskussion bestritten.
Sie mussten sich vor allem mit dem Vorwurf des einladenden Vereins Kulturgut Mecklenburg-Strelitz auseinandersetzen, im Alleingang über die Umgestaltung der Gedenkstätte zu entscheiden und ihr im Zuge einer „Entmystifizierung“ die Seele zu nehmen. Das haben beide Wissenschaftler vehement in Abrede gestellt. „Louise kann man gar nicht ohne Herz betrachten“, betonte Dr. Friederike Drinkuth. „Das Emotionale und die Aura des Ortes halten wir hoch.“
Betrachtungsweise ist Kritikern zu nüchtern
Auch versuchten die Gäste aus Schwerin, den von den Vereinsrepräsentanten Dr. Rajko Lippert und Dr. Thomas Freund skizzierten Konflikt zwischen beiden Seiten zu entkräften, hervorgerufen durch angeblich zu nüchterne historische Betrachtung seitens der Experten. „Die Zeiten des Obrigkeitsstaates sind auch in Mecklenburg-Vorpommern vorbei“, hatte Freund, Staatssekretär a.D., zugespitzt. Man müsse mit den Leuten reden. Insofern sei die heutige Veranstaltung längst überfällig gewesen.
Drinkuth und Meiner versicherten glaubhaft, kein Gegeneinander zu wollen. Sie bedauerten, dass der Schlossverein Hohenzieritz nach seiner Selbstauflösung nicht mehr als Ansprechpartner zur Verfügung gestanden habe. Warum sie statt dessen nicht intensiven Kontakt zum Verein Kulturgut gesucht hatten, der sich in der Nachfolge sieht, blieb allerdings ziemlich offen. Viel Zeit habe eben nicht zur Verfügung gestanden.
Hans-Joachim Engel, der 18 Jahre bis zur Schlüsselübergabe die Gedenkstätte geleitet hatte, wollte sich eigentlich zurückhalten. Der 82-jährige Daniel-Sanders-Preisträger konnte seine Enttäuschung aber nicht verhehlen. Kritische Töne schlug auch Herzog Georg Borwin zu Mecklenburg an. In einer von Lippert verlesenen Grußadresse äußerte er seinen Eindruck, dass es in Schwerin an Rücksicht gegenüber den Ehrenamtlichen mangele, die der Gedenkstätte zu einer beachtlichen Blüte verholfen haben. Nach den ihm vorliegenden Informationen sei das neue Ausstellungskonzept „nur bedingt geeignet, den Ort und seine Aura zu würdigen“. Auch der Herzog fordert mehr Kommunikation.
Sterbezimmer der Königin kann jetzt betreten werden
Die Konzeption aus Schwerin für die Gedenkstätte wiederzugeben, würde den Rahmen dieses Blogbeitrages sprengen. Das Sterbezimmer, künftig, betretbar und die beiden Vorräume werden völlig neu gestaltet, Medienstationen halten Einzug, Möbel und historische Kunstwerke werden auf wenige kostbare Stücke beschränkt. Die von mir respektlos Toilettengrün genannte Wandfarbe ist übrigens mit der Denkmalpflege abgestimmt und geht auf eine historische Quelle zurück.
Jeder hat die Gelegenheit, sich ab dem Pfingstsamstag selbst eine Meinung zu bilden. Dann kann er sich auch auf einer Nachbildung der berühmten Autografentafeln verewigen, die der Gedenkstätte erhalten geblieben sind. Ich finde das Konzept fairerweise zumindest spannend, auch wenn es so ganz anders ist als das gewohnte. Und sollte die neue Ausstellung ein Misserfolg werden? Dr. Thomas Freund: „Vielleicht gestalten wir die Gedenkstätte Hohenzieritz in dem Fall noch einmal um.“
Nachtrag: Noch am Abend hat Dr. Rajko Lippert mir seine Sicht auf die Veranstaltung geschickt. Sie ist als Kommentar zu diesem Beitrag nachzulesen.




Zu diesem Beitrag haben mich noch am Abend erste Gedanken von Dr. Rajko Lippert, Vorsitzender des Vereins Kulturgut Mecklenburg-Strelitz, erreicht, die ich auszugsweise wiedergebe:
Lieber Herr Gross, gerade Ihren Blog gelesen, gute Analyse! Das Konzept enttäuscht in weiten Teilen, das Land bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten und auch hinter denen des Schlossvereins zurück. Hier einige Gedanken:
1. Die Verwaltung war und ist super, kompetent und hat schon Großes geleistet. Der Bürger möge bitte nicht so viele Fragen stellen und der Obrigkeit vertrauen.
2. Es besteht überhaupt kein Grund mit wem auch immer über die Ausgestaltung zu kommunzieren, weil die Obrigkeit alles richtig macht.
3. Alles bleibt, wie die Verwalltung es beschlossen hat, die Farbe bleibt toilettengrün, weil diese am besten zu den beiden Bilderrahmen passt.
4. Minimalismus ist für MST vorgesehen, das Konzept ist ebenso wie Mirow, bitte keine Möbel, die den Besucher wohlmöglich daran hindern könnten, die grünen Wände zu sehen. Große Dinge finden weiterhin in Schwerin, Ludwiglust usw. statt.
5. Das Unvermeidliche wird getan: Das Sterbezimmer bleibt in respektablem Zustand. Zugegeben, das gefällt mir wirklich, das man es betreten kann, und die beiden Hörstationen mit den Bänken. Aber warum gefällt mir das? Weil fast alles beim Alten geblieben ist und eine neue Idee dazu kam.
6. Der Rest:
a) 1 Zimmer mit 2 Bildern, 2 Türen, 2 Medienstationen und einer Holztafel, auf der sich alle einkritzeln dürfen (weil wir ja jetzt alle irgendwie gleich sind – nicht, dass das nur wie früher adlige Familienmitglieder tun)
b) 1 Zimmer mit 1 Kassentresen, 1 Standuhr, ein paar Bildern, die man sich ansehen kann, wenn man an der Kasse ansteht 🙂 – und damit hat man ja den wesenlichen Teil der Ausstellung schon gesehen.
7. Alle wesentlichen Fragen wurden von der Verwaltung gar nicht oder unklar beantwortet:
a) zu wenig visuelle Reize: keine Antwort
b) welches Personal haben sie? : keine Antwort, wir wollen einen Förderverein, der ehrenamtlich uns Arbeit abnimmt
c) welche Marketingmaßnahmen: Hohenzieritz wird zusammen mit allen anderen Schlössern auch beworben
d) welche traditionellen Veranstaltungen: nageln sie mich nicht fest
e) welche denkmalpflegerische Zielsetzung: ist noch nicht erarbeitet (wie kann da das Grün abgestimmt sein?)
f) warum keine Kommunikation – immerhin ist das eine Ausstellung aus zivilgesellschaftlichem Engagement: Nicht nötig, die Verwaltung ist unfehlbar
Entscheidend ist ja die Anzahl der zahlenden Besucher im zweiten Jahr (also wenn die Saison voll läuft), aber dass die Ausstellung umgebaut wird im Falle eines Misserfolgs, daran glaubt wohl keiner. Dann wird sie recht einfach zu schließen sein. Also mich hat das Konzept erwartungsgemäß in weiten Teilen enttäuscht. Daran kann auch die rhetorische Fähigkeit von Frau Dr. Drinkuth nichts ändern, und wenn wir morgen die Sache mal nach dem Aufwachen nüchtern betrachten, so bleibt ein fader Beigeschmack, dass sie uns mit blumigen Worten fast leere Räume für 70 000 Euro (vermutlich vorangig in Planungen investiert) verkauft haben.