
Auf das Stück habe ich mich schon lange gefreut. Und mit jeder positiven Nachricht dazu aus Neubrandenburg steigerte sich die Spannung. Am gestrigen Freitagabend hat „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ von Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann nach umjubelten Vorstellungen im Schauspielhaus nun endlich seine Neustrelitz-Premiere erlebt.
Schön, wenn sich Erwartungen erfüllen. Das Publikum im ausverkauften Landestheater feierte die Inszenierung von Karin Herrmann mit stehenden Ovationen, auch zwischendurch waren immer wieder Beifall und Hochrufe aufgebrandet. Mehr Frauen als Männer im Haus, auf ihre Kosten gekommen sind unter Garantie beide Geschlechter. Immerhin, es ging mehr als 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung immer noch auch um nichts Geringeres als Achtung und Anerkennung für den Osten, die Menschen von hier und ihre Lebensleistung. Wohl nicht vom Tisch, das Thema, misst man den Applaus.
Karin Hartmann (Annett), Lisa Scheibner (Wenke) und die „Neue“ im Strelitzer Schauspielensemble, Susan Ihlenfeld (Peggy), haben bravourös abgeliefert. Die humorvolle Vorlage wurde von den drei Miminnen großartig umgesetzt. In die Bewunderung einzubeziehen ist unbedingt die freischaffende Livemusikerin Mika Bangemann (Christa), die unter der Regie von Karin Herrmann schon an der Freien Bühne Senftenberg gearbeitet und sich bestens empfohlen hat. Großes Vergnügen wechselte sich mit dem einen oder anderen besinnlichen Moment ab.
Wiedererkennen und Erinnern, wenn Annett, Peggy und Wenke zwischen Wodka und Bowle in sieben Nächten zu sieben Themen ihr bisheriges Leben reflektieren, das in ganz ähnlicher Form überall im Zuschauerraum stattgefunden haben dürfte. Das war, wie in einen Spiegel schauen. Ostdeutsche Mentalität, ostdeutsche Identität, es gibt sie noch immer, wenn es denn eines Beweises bedurft hätte. Veronika Fischers „Blues von der letzten Gelegenheit“, die „Abendstunden“ und „Raus aus der Spur“ von Tamara Danz und Silly erklangen. Hymnen für die Ewigkeit, bemerkenswert aufgeführt von Susan Ihlenfeld, von Lisa Scheibner und von Mika Bangemann, mitten ins Herz!
Nicht zu bereuen, und nicht so schnell zu vergessen
Aber auch die durch Karin Hartmann wuchtig vorgetragene Präambel von Christa Wolf zum Verfassungsentwurf der Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ des Runden Tisches 1990 ging unter die Haut. Und dann die Partie Gummitwist! Was für eine geniale Einlage! Die Dosierung macht es bekanntlich, und die stimmte.
Unterhaltsam philosophiert wurde viel rund um Kollektiv, Völkerfreundschaft und Weltfrieden. Was ist zu bewahren und mitzunehmen auf dem Weg zum idealen Staat angesichts der „Schwerkraft der Verhältnisse“, wie es Autorin Peggy Mädler in einem TOG-Interview formulierte? Der ideale Staat, der dann aber entgegen dem Versprechen im Titel des Stücks doch nicht gegründet wurde, Utopie bleibt. Ein außergewöhnlicher Abend im Landestheater, der nicht zu bereuen und so schnell auch nicht zu vergessen ist.
Noch einmal zurück zum Interview. „Vielen wird angst und bange, viele sind bitter enttäuscht, wenn sie über den jetzigen Zustand der Demokratien nachdenken.“ Die drei Autorinnen werden gefragt, was ihr großes Gespräch diesen Gefühlen hinzuzufügen hat. Peggy: Zuversicht (ich versuch’s). Wenke: Realismus. Annett: Zweifel.
Mehr Vorstellungen verdient
Lisette Schürer schuf das Bühnenbild voller phantastischer Möglichkeiten, Oliver Lisewski zeichnet für die Dramaturgie verantwortlich. „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ hätte mehr Vorstellungen verdient. Da war ich mir im Pausengespräch mit Intendant Sven Müller einig, der das Stück gestern auch zum ersten Mal gesehen hat. Leider gibt der Spielplan nicht mehr Termine her. Die Aufführung am 25. April ist ausverkauft, es folgt am 7. Mai eine Schulvorstellung. Für den 8. Mai um 19.30 Uhr gibt es nur noch wenige Tickets. Bleibt der 17. Mai um 16 Uhr.
Übrigens habe ich mir beim Anstehen an der Garderobe von einem vertrauenswürdigen Bekannten und Theater-Dauerbesucher sagen lassen, dass der Liederabend „If I Can’t Dance It’s Not My Revolution“ (9. Mai, 19.30 Uhr) „noch viel besser“ sein soll. Kaum vorstellbar, aber ich bewerbe ihn bei der Gelegenheit gleich mit.


