Schlagwörter
Feldberg, Gansel, Kulturverein, Lesung, Lindemann, Mecklenburg-Strelitz, Meine Fensterplätze
Was für ein glücklicher Umstand für den Feldberger Kulturverein! Nach der Lesung seiner Brigitte-Reimann-Biografie stellt der Literaturwissenschaftler und Buchautor Carsten Gansel am 6. September um 19 Uhr im Haus des Gastes in Feldberg das in seinem Okapi Verlag publizierte Buch „Meine Fensterplätze“ von Gitta Lindemann vor. Wie vor zwei Jahren, als es um das Buch ihres Mannes Werner Lindemann „Beichte“ ging, wird die Autorin lesen, nunmehr eigene Kurzprosa, Tagebuchaufzeichnungen und Notate, die der Verleger fein aufgemacht und sorgfältig ediert 2023 herausbrachte. Der Eintritt ist frei.
Gitta Lindemann hat neben ihrer journalistischen Tätigkeit für den Rundfunk immer schon geschrieben. Es geht um ihr Leben zu DDR-Zeiten und vor allem in der Wendezeit: Was ihr passierte, wie es ihr erging. Für sie ein Sturz aus einem „Elfenbeinturm“: In der Drispether Künstlerenklave von Schriftstellern und Malern umgeben, auf einem idyllisch gelegenen Bauernhof inmitten von der LPG bestellten Feldern, mit ihrer Familie, sie freischaffend für ihren Sender tätig, ihr Mann ein gefragter Schriftsteller und Vorleser in Schulen und Bibliotheken.
Ihr Sturz aus der relativen Behütetheit war umso heftiger, als ihr Land DDR, ihre Heimat, wie sie schreibt, „flöten“ ging. Der Mann an ihrer Seite ohne Auftrag und Honorar, Restitutionsansprüche auf ihr Gehöft, sie plötzlich die Alleinernährerin mit der ständigen Furcht, Brot und Arbeit zu verlieren, ihr Mann stirbt. Existentiell bedroht und ihrer Ideale beraubt, fühlt sie sich fremd unter den veränderten Verhältnissen im eigenen Land, kann sie die Euphorie um die deutsche Einheit nicht teilen. Wie so viele der 17 Millionen DDR-Bürger steht sie vor der Frage: Wie soll es weitergehen? Was ist meine Biografie wert?
In dieser Phase des gesellschaftlichen und sozialen Umbruchs, in der viele Menschen mit ihren Ängsten und ihrer Neugier auf das Kommende nach Halt und Sicherheit suchten, eröffneten sich für Gitta Lindemann unerwartete Möglichkeiten: Sie wird Chefredakteurin im NDR, traut sich was zu, sie moderiert Sendereihen wie „Literaten im Kreuzverhör“ und das „Literaturcafe“. Sie ist dabei, sich neu zu erfinden.
Das Drispether Haus und die Familie bleiben bewahrt, die Freiheiten des Reisen vermitteln ihr ungeahnte Eindrücke, wie auch die Tatsache, dass ihr Sohn mit seiner Ramstein-Croux ein Weltstar geworden ist.
Gitta Lindemanns Ausblicke ergehen sich nicht in wendegewandter Selbstvergessenheit. Im Gegenteil: Hier traut sich eine nicht nur aus ihrem Fenster zu schauen, sondern in sich zu gehen: „Wer war ich, wer bin ich gewesen in den achtzig Jahren meines Lebens, wer war ich als Journalistin, als Frau, als Mutter.“ Mitunter unnachsichtig kritisch: Sie spricht von Lebenslügen und vom „Wegmogeln“, sowohl in ihrer Arbeit als auch in ihrer Liebe.
Wie viele in ihrer Generation, war auch Gitta Lindemann, kriegstraumatisiert und doch voller Zuversicht, am Aufbau der DDR beteiligt, war anders mit deren Idealen verknüpft als die Nachgeborenen und umso enttäuschter ob ihres Niedergangs. Gitta Lindemanns Resümee: „Versäumt, vermasselt, gekämpft, gestritten, glücklich verloren oder unglücklich gesiegt – leben, ja leben kann man nie genug. Aber man sollte seine Haltung in den Ring werfen“.
Wenn man Carsten Gansels Brigitte-Reimann-Biografie zusammenhängend mit dem Buch von Gitta Lindemann denkt, wecken Carsten Gansels moderierende Begleitung und das anschließende Gespräch Erwartungen, die über das Autobiografische der Autorin hinaus von Interesse sein könnten. Nicht nur, weil die damalige Journalistin in Neubrandenburg Brigitte Reimann gut kannte und sicherlich über so manche Begegnung Auskunft geben kann, sondern auch weil die Reimann-Biografie einen literatur- und kulturgeschichtlichen Hintergrund einer verschütteten und vergessenen DDR-Intellektuellen- und Kultursphäre visualisiert.
Die Erzählung der Gitta Lindemann wird dadurch noch lebendiger und vorstellbarer. Vielleicht eröffnen die beiden Autoren für ihr Publikum einen weiteren Fensterplatz mit noch anderen Aussichten und Einsichten (Annelie Kaduk).
