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In diesem Fall ist mir mal die Arbeit abgenommen worden. Dr. Detlef „Zicke“ Rentsch, Urmitglied der Band „Turmgesellschaft“, hat die folgenden Zeilen zu Papier gebracht. Das hätte ich kaum besser hinbekommen. Die letzten beiden Auftritte der legendären Musiker an der Müritz stehen kommende Woche bevor.

Himmelfahrt im Regattahafen von Röbel. Das Schwein dreht am Spieß gemächlich seine Runden und empfängt seine köstliche Knusperbräune. Das erste Bier befreit sich mit einem lauten Zischen aus der Enge des Zapfhahnes und schäumt vor lauter Wonne. Tische und Bänke werden zurechtgerückt. Die Seglerinnen und Segler vom Verein geben auch an Land wieder ihr Bestes.

Das Partyvolk hakt sich unter. Denn es liegt etwas in der Luft. Und so schaut mancher auch einmal nach oben und staunt, wie Graugänse im Mannschaftsflug vom See herüber die große Wiese ansteuern, dann aber urplötzlich und mit empörtem Schnattern wieder abdrehen, weil es auf ihrem angestammten Landeplatz laut und hektisch zugeht.

Roadie Rolf“ Alge“ Graubner verlegt letzte Mikrofonkabel: Soundcheck einer Coverband, die für ihren Abgesang „anschwitzt“… Sechs Rockkumpane, nicht mehr ganz taufrisch und geschmeidig in ihren Bewegungen, wollen musikalisch noch einmal mächtig auf den Putz hauen. Denn über die vielen Jahre hat sich diese verschworene Truppe in die Herzen ihrer Fans gespielt. Aus ganz Deutschland pilgern sie mittlerweile über das verlängerte Wochenende nach Röbel und einen Tag später in die Sietower Bucht, um sich von dieser ganz besonderen Energie erfrischen zu lassen, ein Teil von ihr zu werden: „Here Comes The Sun“!

Doch danach ist Schluss. Die biologische Uhr tickt. Keiner in der Band hat Bock, in Zukunft auch noch mit dem Rollator über die Festwiese an den Bühnen-Truck zu schlurfen. Alles hat eben seine Zeit. Und diese begann für die „Turmgesellschaft“ in den 70-gern neben dem Musiklehrerstudium an der Uni in Halle. Der „Turm“ stand für den Studentenclub Moritzburg und die „Turmgesellschaft“ für einen verschworenen Männerbund in Goethes „Wilhelm Meister“. Und das waren von Anfang an Frank „Luigi“ Decke (Gesang, Gitarre), Lothar „Lulu“ Bösel (Gesang, Tasteninstrumente), Reinhard „Ossi“ Gust (Gesang, Gitarre, Geige), Johannes „Bache“ Schubert (Schlagzeug, Gesang) und Detlef „Zicke“ Rentsch (Saxofon, Gesang). Und nachdem die Absolventen nach dem Studium in alle Himmelsrichtungen strömten, hat jeder zu Hause vor seinen Liebsten noch lange von den Gründerjahren mit heißem Herzen geschwärmt und dabei wohl auch insgeheim gehofft, dass die Geschichte der Band vielleicht doch noch nicht auserzählt sei.

Nach über 20 Jahren traf man sich dann mal wieder in Halle und brachte neben den „ollen Kamellen“ auch die Gitarren und die Geige mit. Und aus der bis dahin lichtlos gewordenen Musikantenglut schlugen wieder Flammen. Da ging also wieder etwas. Die Fischerhütte im Sietower Hafen wurde 2006 als Sehnsuchtsort auserkoren. Einmal im Jahr an Himmelfahrt ohne Weib und Kind, dafür auf der Rückbank die abgewetzte Lederjacke und das gute Instrument und dann die alten Weisen singen. Adrenalin pur! Na klar ging dabei auch die Kümmelpulle oft herum

Diese unbändige Freude am gemeinsamen Musizieren in familiärer Atmosphäre steckte an und erzeugte beim Publikum an den Ufern der Müritz jedes Mal Wellen der Begeisterung. Keine Frage, es gibt in diesem Jahr nicht viel bessere Orte als im Regattahafen von Röbel und einen Tag später in der Sietower Bucht wieder das verlängerte Himmelfahrts-Wochenende zu verbringen.

Für den nötigen Groove der Band wird dann auch der Bassist Christoph Gust mit sorgen. Und wenn seine Frau Laura die „Jugendliebe“ besingt, wird wohl wieder die eine oder andere Träne über die gerötete Wange kullern: „Haha“… Es wird weitere Kulthits geben, auch zum Mitgrölen und Mitklatschen! Ein Stilmix eben, bei dem jede Spotify- Playlist nur erblassen kann.

Für einen frischen und geradlinigen Rock’n Roll steht auch der Grandseigneur des Folk Rock Joachim „Semmy“ Packebusch, der sich akribisch um den guten Ton der Band kümmert. Wenn aber der Thüringer für ein paar Songs seinen Platz am Mischpult verlässt, um vis-a-vis auf der Bühne mit der Gitarre und der „Mundi“ los zu singen, dann kommt im Hafen für ein paar Momente Woodstock-Feeling auf. Und ganz ehrlich: Über Frieden und Liebe kann man in diesen Tagen nicht genug hören-„I‘ve been a Miner for a Heart of Gold„…

Und dann noch ein letztes Mal City „Am Fenster“, dieses Ungetüm des Ostrock voller Magie-„ Du-bi-du-bi-dai-du-bi-du-bi-dai…“ Wie sagt doch der Mecklenburger:“ Nicht lang schnacken. Kopp in‘n Nacken!“ Man sieht sich bei einer großen Abschiedsparty mit einer tollen Coverband. Wir werden die „Turmgesellschaft“ ganz bestimmt vermissen, na ja, die Graugänse vielleicht nicht…

09.05. „Himmelfahrt“ Regattahafen Röbel ab 11.00 Uhr
10.05. Sietow Hafen ab 18.00 Uhr