Gruppenbild für Strelitzius: Reico Siatkowski (Technik), Rolf Graubner (Technik), Reinhard Gust, Christoph und Laura Gust mit Töchterchen Lilli, Johannes Schubert, Lothar Bösel, Dr. Detlef Rentsch, Frank Decke, Joachim Pakebusch (von links).
War das eine geile Fete gestern im Regattahafen in Röbel! Der einsame DJ am Nachmittag auf der Bühne im Stadthafen konnte einem nur leid tun. Alles, was Beine hatte, war zusammengelaufen, um ein paar hundert Meter weiter das Abschiedskonzert der „Turmgesellschaft“ zu erleben. Da gab es zum Teil herzerweichende Wiedersehen nach sage und schreibe 50 Jahren! Und die Musiker, die nur einmal im Jahr an der Müritz zusammenkommen, haben noch einmal unter Beweis gestellt, dass sie allesamt auch ohne große Proben Sonderklasse sind.
Aber die vielen Jahre (Strelitzius berichtete) sind auch an der schon zu Lebzeiten Rock-Legende „Turmgesellschaft“ nicht spurlos vorbeigegangen, zumindest nicht an deren Gründern. Und man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Im Regattahafen war es gestern dank der Ausnahmeband wunderschön, und selbst Petrus kam nicht umhin, der Truppe mit Bilderbuchwetter seine Referenz zu erweisen.
So mancher Besucher, ich schließe mich da nicht aus, hat innerlich eine Träne vergossen, und den Musikern ist es ebenso ergangen, wie mir gestanden wurde. Die „Turmgesellschaft“ mit ihren schier unendlichen musikalischen Möglichkeiten wird in dieser Zusammensetzung nur noch einmal zu erleben sein: Heute Abend ab 18 Uhr beim Fischer in Sietow. Titel von Roger Whittaker gehören denn doch nicht zum breitgefächerten Repertoire, aber einer schießt mir trotzdem ein: „Abschied ist ein scharfes Schwert“. Der Herrentag wird für mich nie mehr, wie er mal war.
Die Leute im Regattahafen, darunter etliche Weggefährten der Bandmitglieder, waren spätestens beim City-Klassiker „Am Fenster“ wieder schier aus dem Häuschen. „Helpless“ kroch unter die Haut, und „Knockin‘ on Heaven’s Door“, und die „Tagesreise“, und „Als ich fortging“, und, und, und… Danke an die „Turmgesellschaft“ für die vielen wunderbaren Auftritte hier bei uns in Mecklenburg. Ihr habt uns für die Dauer eurer Konzerte ein Stück Jugend zurückgegeben und die Jüngeren auf eine tolle musikalische Vergangenheit aufmerksam gemacht. Bleibt gesund, und vielleicht sieht und hört man den einen oder anderen von euch in kleineren Besetzungen noch einmal wieder. Mich würde es sehr freuen. Und eure vielen anderen Fans mit Sicherheit auch.
In diesem Fall ist mir mal die Arbeit abgenommen worden. Dr. Detlef „Zicke“ Rentsch, Urmitglied der Band „Turmgesellschaft“, hat die folgenden Zeilen zu Papier gebracht. Das hätte ich kaum besser hinbekommen. Die letzten beiden Auftritte der legendären Musiker an der Müritz stehen kommende Woche bevor.
Himmelfahrt im Regattahafen von Röbel. Das Schwein dreht am Spieß gemächlich seine Runden und empfängt seine köstliche Knusperbräune. Das erste Bier befreit sich mit einem lauten Zischen aus der Enge des Zapfhahnes und schäumt vor lauter Wonne. Tische und Bänke werden zurechtgerückt. Die Seglerinnen und Segler vom Verein geben auch an Land wieder ihr Bestes.
Das Partyvolk hakt sich unter. Denn es liegt etwas in der Luft. Und so schaut mancher auch einmal nach oben und staunt, wie Graugänse im Mannschaftsflug vom See herüber die große Wiese ansteuern, dann aber urplötzlich und mit empörtem Schnattern wieder abdrehen, weil es auf ihrem angestammten Landeplatz laut und hektisch zugeht.
Roadie Rolf“ Alge“ Graubner verlegt letzte Mikrofonkabel: Soundcheck einer Coverband, die für ihren Abgesang „anschwitzt“… Sechs Rockkumpane, nicht mehr ganz taufrisch und geschmeidig in ihren Bewegungen, wollen musikalisch noch einmal mächtig auf den Putz hauen. Denn über die vielen Jahre hat sich diese verschworene Truppe in die Herzen ihrer Fans gespielt. Aus ganz Deutschland pilgern sie mittlerweile über das verlängerte Wochenende nach Röbel und einen Tag später in die Sietower Bucht, um sich von dieser ganz besonderen Energie erfrischen zu lassen, ein Teil von ihr zu werden: „Here Comes The Sun“!
Doch danach ist Schluss. Die biologische Uhr tickt. Keiner in der Band hat Bock, in Zukunft auch noch mit dem Rollator über die Festwiese an den Bühnen-Truck zu schlurfen. Alles hat eben seine Zeit. Und diese begann für die „Turmgesellschaft“ in den 70-gern neben dem Musiklehrerstudium an der Uni in Halle. Der „Turm“ stand für den Studentenclub Moritzburg und die „Turmgesellschaft“ für einen verschworenen Männerbund in Goethes „Wilhelm Meister“. Und das waren von Anfang an Frank „Luigi“ Decke (Gesang, Gitarre), Lothar „Lulu“ Bösel (Gesang, Tasteninstrumente), Reinhard „Ossi“ Gust (Gesang, Gitarre, Geige), Johannes „Bache“ Schubert (Schlagzeug, Gesang) und Detlef „Zicke“ Rentsch (Saxofon, Gesang). Und nachdem die Absolventen nach dem Studium in alle Himmelsrichtungen strömten, hat jeder zu Hause vor seinen Liebsten noch lange von den Gründerjahren mit heißem Herzen geschwärmt und dabei wohl auch insgeheim gehofft, dass die Geschichte der Band vielleicht doch noch nicht auserzählt sei.
Nach über 20 Jahren traf man sich dann mal wieder in Halle und brachte neben den „ollen Kamellen“ auch die Gitarren und die Geige mit. Und aus der bis dahin lichtlos gewordenen Musikantenglut schlugen wieder Flammen. Da ging also wieder etwas. Die Fischerhütte im Sietower Hafen wurde 2006 als Sehnsuchtsort auserkoren. Einmal im Jahr an Himmelfahrt ohne Weib und Kind, dafür auf der Rückbank die abgewetzte Lederjacke und das gute Instrument und dann die alten Weisen singen. Adrenalin pur! Na klar ging dabei auch die Kümmelpulle oft herum…
Diese unbändige Freude am gemeinsamen Musizieren in familiärer Atmosphäre steckte an und erzeugte beim Publikum an den Ufern der Müritz jedes Mal Wellen der Begeisterung. Keine Frage, es gibt in diesem Jahr nicht viel bessere Orte als im Regattahafen von Röbel und einen Tag später in der Sietower Bucht wieder das verlängerte Himmelfahrts-Wochenende zu verbringen.
Für den nötigen Groove der Band wird dann auch der Bassist Christoph Gust mit sorgen. Und wenn seine Frau Laura die „Jugendliebe“ besingt, wird wohl wieder die eine oder andere Träne über die gerötete Wange kullern: „Haha“… Es wird weitere Kulthits geben, auch zum Mitgrölen und Mitklatschen! Ein Stilmix eben, bei dem jede Spotify- Playlist nur erblassen kann.
Für einen frischen und geradlinigen Rock’n Roll steht auch der Grandseigneur des Folk Rock Joachim „Semmy“ Packebusch, der sich akribisch um den guten Ton der Band kümmert. Wenn aber der Thüringer für ein paar Songs seinen Platz am Mischpult verlässt, um vis-a-vis auf der Bühne mit der Gitarre und der „Mundi“ los zu singen, dann kommt im Hafen für ein paar Momente Woodstock-Feeling auf. Und ganz ehrlich: Über Frieden und Liebe kann man in diesen Tagen nicht genug hören-„I‘ve been a Miner for a Heart of Gold„…
Und dann noch ein letztes Mal City „Am Fenster“, dieses Ungetüm des Ostrock voller Magie-„ Du-bi-du-bi-dai-du-bi-du-bi-dai…“ Wie sagt doch der Mecklenburger:“ Nicht lang schnacken. Kopp in‘n Nacken!“ Man sieht sich bei einer großen Abschiedsparty mit einer tollen Coverband. Wir werden die „Turmgesellschaft“ ganz bestimmt vermissen, na ja, die Graugänse vielleicht nicht…
09.05. „Himmelfahrt“ Regattahafen Röbel ab 11.00 Uhr 10.05. Sietow Hafen ab 18.00 Uhr