Schlagwörter

, , , , , ,

Einer meiner Leser ist am vergangenen Montag, mit dem Zug zwischen Mirow und Neustrelitz unterwegs, nur knapp einer Katastrophe entgangen. Noch unter dem Eindruck des erlebten, hat er mir einen ausführlichen Bericht geschickt. Die Polizei hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert. Beim Bahnbetreiber habe ich angefragt. Hier die Schilderung des Zeugen, dessen Name mir vorliegt, im Wortlaut:

Ich bin am 24.03.25 mit der Kleinseenbahn/RB16 um 13:18 Uhr von Mirow nach Neustrelitz gefahren. Die Fahrt lief gut und pünktlich, bis es im Gewerbegebiet Neustrelitz am Bahnübergang zu einer leichten Kollision mit einem LKW kam, der auf der Straße Am Bahndamm in Richtung des Remondis-Geländes gefahren ist. 

Ich saß hinten rechts (in Fahrtrichtung) im Zug und konnte den LKW sehen, wie er mit hoher Geschwindigkeit auf Kollisionskurs auf den Bahnübergang zugefahren ist. Der LKW bremste im letzten Moment und setzte sogar noch ein Stück zurück, trotzdem streifte der Zug den LKW. Der Zug machte eine Vollbremsung und kam etwa 50 Meter hinter dem Bahnübergang zum Stehen. Die Schäden am Zug waren unscheinbar, nur ein paar Kratzer, aber das Zugpersonal (Lokführer und Zugbegleiterin) waren geschockt. Wenn der LKW nicht rechtzeitig gebremst hätte, wäre der Zug mit hoher Wahrscheinlichkeit entgleist und alle 14 Fahrgäste sowie die beiden Bahnmitarbeiter schwer verletzt, vielleicht sogar getötet worden.

Soweit die Situation in der Kurzbeschreibung. Nun die ausführliche Darstellung: Der Zug, also der übliche kleine Triebwagen (gebaut von dem Deutschen Waggonbau, Leichtverbrennungstriebwagen) der HANS, befuhr die Strecke regulär mit etwa 60 km/h.

Im Gewerbegebiet passierten wir den beschrankten Bahnübergang am Bürgerseeweg und fuhren weiter. In meiner Erinnerung gab der Lokführer regulär beim Annähern auf den unbeschrankten Bahnübergang Am Bahndamm zur Werkseinfahrt von Remondis Signal.

Ich sah den LKW, einen Gliederzug mit zwei hohen Abrollcontainern beladen, mit relativ hoher Geschwindigkeit auf den Bahnübergang zufahren. Er befuhr die Straße Am Bahndamm aus Südost und konnte geradeaus über den Bahnübergang fahren. Geschätzt hatte der LKW zwischen 30 und 50 km/h. Als der Lokführer erkannte, dass der LKW auf Kollisionskurs war, leitete er die Notbremsung ein und gab erneut Signal.

Nach etwa fünf Sekunden war der Spuk vorbei und es hatte nicht hörbar geknallt. Da ich über dem Motor saß, konnte ich auch kein Kratzen hören. In dem Moment hatte ich mich aber auch instinktiv von der Scheibe abgewandt. 

Der Lokführer fluchte und setzte erstmal ein paar Anrufe ab. Danach begutachtete er den Zug von außen. Am Zug waren nur ein paar leichte Kratzer. Der LKW ist weitergefahren auf das Gelände von Remondis. Das Zugpersonal hat uns Fahrgäste gefragt, ob sich jemand verletzt hat, aber es ging allen gut. Nach etwa 20 Minuten kam dann ein Notfallmanager der DB, nach weiteren 10 Minuten die Bundespolizei und nach insgesamt 40 Minuten die lokale Polizei. Alle liefen erstmal um den Zug herum und sprachen mit dem Personal. Uns wurde gesagt, dass wir den Zug nicht verlassen dürfen und auch nicht eigenständig weiterreisen dürfen, da wir eventuell Zeugenaussagen tätigen müssen und es zu gefährlich ist, auf der Strecke aus dem Zug auszusteigen. Trotzdem durften einige auf eigene Verantwortung zwischendurch kurz aus dem Zug raus, um im Gebüsch aufs Klo zu gehen.

Die Stimmung im Zug wurde etwas mürrischer, als klar war, dass auch die RE5 Abfahrten um 15:00 Uhr verpasst werden. Zwischendurch hieß es, es würde ein Schienenersatzverkehr organisiert, das wurde aber wieder zurückgezogen, als der Notfallmanager der HANS/Enon kam (nach etwa 70 Minuten). Dieser beschloss dann, dass der Zug weiterfahren sollte, davor musste aber noch der mobile Werkstattdienst kommen und den Fehlerspeicher des Zugs auslesen. Der Werkstattdienst war dann nach etwa 90 Minuten da. Ein Fahrgast hatte sich eine private Abholung besorgt, die auch mich bis zum Bahnhof Neustrelitz mitgenommen hat. Während ich dann auf den nächsten RE5 um 16:00 Uhr gewartet habe, habe ich noch gesehen, wie der Zug der Kleinseenbahn mit ziemlich genau zwei Stunden Verspätung und neuem Personal in Neustrelitz eingefahren ist.

Während wir auf den Notfallmanager der Enon gewartet haben, hat die Polizei noch den LKW-Fahrer (oder Fahrerin) aufgesucht. Aus dem Zug konnte ich nicht sehen, was dort passiert ist, aber es wirkte so, als hätte der LKW-Fahrer weiterfahren dürfen (oder die Polizei hat den LKW irgendwo abgestellt). Aus dem Zug konnte ich aber gut erkennen, dass der LKW in seinen Seitenfenstern Vorhänge hängen hatte, die gut ein Drittel der Fensterfläche bedeckt haben. Aufgrund des Winkels von Fahrtrichtung und Bahnstrecke hat der Vorhang die Sicht in diesem Fall aber vermutlich eher nicht behindert.

Ein LKW-Gliederzug mit 4 oder 5 Achsen hat etwa 16 Tonnen Leergewicht + 6 Tonnen Leergewicht der beiden Abrollcontainer + ggf. Beladung. Der Zug hat eine Leermasse von 23 Tonnen und voll mit Fahrgästen und Diesel etc. eine Dienstmasse von 32 Tonnen. Wegen des geringen Gewichtsunterschieds wäre es bei einer Kollision sehr wahrscheinlich zu einer Entgleisung gekommen. Es ist auch möglich, dass der Zug sogar umgefallen wäre. Auch wenn die Schwerpunkte beider Fahrzeuge recht tief liegen, bin ich mir sicher, dass bei einer Kollision viele Fahrgäste schwer verletzt worden wären, LKW-Fahrer und Lokführer vielleicht sogar tödlich.

Wäre der (Beinahe-)Unfall vermeidbar gewesen? Ja, denn der LKW hätte auf die Vorfahrt der Bahn achten müssen, außerdem gilt für den Straßenverkehr an der Stelle eine Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h. Ich konnte gut erkennen, dass der LKW wesentlich schneller gefahren ist. 

Auch dass der LKW (fahrlässig) die Bahn “übersieht” hätte man verhindern können, indem ein gesicherter, beschrankter Bahnübergang gebaut wird. Über die Straße wird, soweit ich weiß schließlich ein Teil der städtischen Entsorgung von Neustrelitz abgewickelt, während wir im Zug gewartet haben, sind viele Müllautos, Lieferwagen und auch Bagger über den Bahnübergang gefahren.

Es ist auch offensichtlich, dass zwei Tempo-10-Schilder keine sichere Infrastruktur sind. Zumindest Bodenwellen müssten den Verkehr hier zum Abbremsen zwingen.

Ich bin ziemlich fassungslos, dass ich nur durch Glück einem schweren Unfall entkommen bin, der eigentlich relativ simpel hätte verhindert werden können. Wenn es zum Unfall gekommen wäre, würde die Öffentlichkeit jetzt sicherlich über die Ursachen und Gründe diskutieren. Ich finde diese Debatte sollte jetzt auch stattfinden, obwohl es keine Verletzten gegeben hat. Denn es war extrem knapp.