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Josefin Ristau in der Paraderolle als Sally Bowles mit den Kit-Kat-Girls. Fotos: Matthias Horn

Selten ist es mir nach einem Theaterbesuch schwerer gefallen, das Erlebte in Worte zu kleiden. Das musste sacken, wollte verarbeitet werden. Natürlich, das 1966 in New York uraufgeführte Stück (Musik John Kander, Liedtexte Fred Ebb und Buch Joe Masteroff) ist weltberühmt, aber es will auch erst einmal so unter die Haut gehend auf die Bühne gebracht werden. Mit dem Musical „Cabaret“, gestern im Neubrandenburger Schauspielhaus besucht, ist der Theater und Orchester GmbH eine herausragende Produktion gelungen. Das steht schon mal zu Protokoll.

Die Inszenierung stammt von Schauspieldirektor Maik Priebe. Als Nachtclubsängerin Sally Bowles brilliert mit enormer Leidenschaft Josefin Ristau. Die spielt sich die Seele aus dem Leib! Noah Alexander Wolf ist als Conférencier umwerfend, allein seine Mimik brennt sich schon ein. Robert Will gibt äußerst beeindruckend den Amerikaner Clifford Bradshaw. Marion Martienzen als Fräulein Schneider und Thomas Pötzsch als Herr Schultz spielen das tragische Paar herzergreifend. Und da wären noch Lisa Scheibner als Fräulein Kost und Florian Rast als Ernst Ludwig, die ihre Rollen sehr glaubhaft ausfüllen. Eine feine Leistung aller Mimen, auch gesanglich sehr passabel und von der mitten im Saal platzierten Band unter Leitung von Thomas Möckel großartig begleitet. Nicht zu vergessen die Kit-Kat-Girls. Wer sich unter dem Begriff „Hupfdohlen“ nichts vorstellen kann, muss sie tanzen gesehen haben. Herrlich!

Susanne Maier-Staufen ist das Kunststück gelungen, das Schauspielhaus in den Kit-Kat-Klub zu verwandeln. Mitten drin, statt nur dabei, das hat hundertprozentig funktioniert. Das Kostümbild von Christine Jacob hat unbedingt dazu beigetragen, mühelos in die Zeit Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu gelangen.

„Cabaret“ ist angesichts des Rechtsrucks in Europa wie in Deutschland erschreckend aktuell. Gut, dass die TOG das Musical auf den Spielplan gesetzt hat. Zu wünschen wären noch mehr Vorstellungen, immerhin waren die 19 Aufführungen bis zum 7. Juli schon vor der Premiere so gut wie ausverkauft. Aber da stoßen die Theatermacher an ihre organisatorischen Grenzen, wie Intendant Sven Müller auf der Pressekonferenz zum Musical sagte.

Was ich gestern in Neubrandenburg bedauert habe: Es gab kaum jüngere Leute im Publikum. Was mich gestört hat: Der Begriff „Sommerspektakel“ ist natürlich eingeführt. Ich finde ihn für ein Stück, dessen Handlung im Schatten des Hakenkreuzes angesiedelt ist, allerdings schlichtweg unpassend.

Noah Alexander Wolf (Conférencier)
Kit Kanke, Thomas Pötzsch (Herr Schultz), Marion Martienzen (Fräulein Schneider)
Florian Rast (Ernst Ludwig, rechts), Robert Will (Clifford Bradshaw)
Lisa Scheibner (Kit-Kat-Girl), Noah Alexander Wolf (Conférencier), Kit Kanke (Kit-Kat-Girl, von links)
Kit-Kat-Girls: Kit Kanke, Lisa Scheibner, Maike Werner, Maia Schiwek, Christoph Deuter (von vorn)