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Gedenken, Juden, Mecklenburgische Kleinseenplatte, Mirow, Reinigung, Stolpersteine
Am 9. November werden in Mirow seit einigen Jahren die Stolpersteine für Mitglieder der Familie Rosenberg gereinigt und damit zugleich an die Verfolgung jüdischer Menschen in und aus Mirow erinnert. Auch in diesem Jahr wird zu der Gedenkaktion der Ev.-Luth. Kirchengemeinde und der Stadt Mirow eingeladen. Treffpunkt ist um 12 Uhr in der Schlossstraße 16/Ecke Mühlenstraße.
Heute wird die Erinnerung an die Novemberpogrome deutschlandweit gepflegt. Das war nicht immer so. Jahrzehntelag war der 9. November nicht viel mehr als ein Datum im Geschichtsunterricht. Anders in jüdischen Gemeinden Ost- und Westdeutschlands. Hier wurde immer an diesen Tag erinnert.
Das änderte sich 1978, schreibt mir meine Leserin Barbara Lange in dem folgenden kleinen Aufsatz. In diesem Jahr jährte sich das bekannte Datum der Novemberpogrome zum 40. Mal. In Westdeutschland gab es in Köln eine Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Juden, an der Mitglieder der Bundesregierung teilnahmen. Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundespräsident Walter Scheel hielten Ansprachen. In der DDR war es nicht der Staat, sondern die Evangelische Kirche, die sich mit einem „Wort an die Gemeinden anlässlich des 40. Jahrestages der sogenannten Kristallnacht“ an die Kirchengemeinden wandte. Daraufhin fanden erstmals DDR-weit Gedenkveranstaltungen statt.
Frage individueller Schuld und persönlicher Verantwortung
Diese Initiative der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitung der DDR war für den SED-Staat eine Herausforderung. Sie beließ es nicht wie in der antifaschistischen Erzählung der DDR bei einer Verurteilung des staatlichen Nationalsozialismus. Sie ging darüber hinaus und stellte die Frage nach individueller Schuld und persönlicher Verantwortung: „Auf unserem Volk liegt die Last einer großen Schuld. Die Vorgänge am 9. November 1938 stießen damals in weitesten Kreisen auf bedrückendes Schweigen, erschreckende Gleichgültigkeit oder offene Billigung. Die meisten brachen jede Verbindung mit Juden ab, schenkten den Verleumdungen Gehör, ließen sich einschüchtern und mieden auch die geringsten menschlichen Kontakte. Nur ganz wenige erhoben ihre Stimme dagegen und versuchten, den bedrängten und verfolgten Juden beizustehen.“
Und auch das eigene Versagen blieb nicht unerwähnt: „In diese Vorgänge waren auch die Kirchen und Gemeinden verwoben. Viele Christen verhielten sich so, wie es von den Machthabern erwartet wurde. Die Kirchen brachten nicht den Mut zum deutlichen Protest auf. Selbst getaufte Juden hatten in der Kirche kein echtes Heimrecht mehr.“
Provokanter Satz
Vor dem Hintergrund, dass Israel für die DDR ein Aggressorstaat im Nahen Osten war, muss der folgende Satz des Gedenkwortes provokant gewesen sein: „Berechtigte Kritik an der Politik des heutigen Staates Israel darf nicht als eine Quelle oder als Vorwand zu neuem Antisemitismus missbraucht werden.“ Im Klartext: Das kirchliche Gedenkwort kritisierte Antisemitismus in der DDR und widersprach damit der offiziellen Darstellung, dieser sei im Arbeiter- und Bauernstaat mit Stumpf und Stiel ausgerottet.
Zehn Jahre später organisierte die DDR eine pompöse Gedenkveranstaltung. Nicht, dass sie ihre Sicht auf die Geschichte grundlegend geändert hätte. Die SED-Führung sah die Chance, durch ein offizielles Gedenken eigene wirtschaftliche und außenpolitische Interessen besser verfolgen zu können. Insbesondere hoffte sie auf Vorteile im Außenhandel und eine Verbesserung der Beziehungen zu den USA. So wurde am 10. November 1988 in Berlin mit viel politischer DDR-Prominenz und ausländischen Ehrengästen die symbolische Grundsteinlegung zum Wiederaufbau der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße inszeniert. Die Stasi sicherte die Veranstaltung am 50. Jahrestag der Pogromnacht ab und wählte dafür bezeichnenderweise den Decknamen „Kristall“.
