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Gestern hat sich mir ein lange gehegter Wunsch erfüllt. Der bekennende Kaminer-Fan Strelitzius hat den Meister live erleben dürfen. Mehr noch, sogar ein paar Worte konnte ich mit Wladimir Kaminer wechseln, der zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört, ja, zu meinen Idolen. Ich wollte, ich könnte schreiben wie er! Danke für diese Sternstunde dem Heimatverein Sewekow mit Chefin Heidi Schäfer an der Spitze, der die Holde und meine Wenigkeit mit rund 200 weiteren Literaturfreunden auf der Freilichtbühne an der Max-Schmeling-Halle versammelt hatte.

Wobei mir der Autor gleich den Wind aus den Segeln genommen hat. Ich dachte, mit meinen acht Kaminer-Büchern im Regal bei ihm punkten zu können. Dem Vielschreiber sind aber schon um die 30 Titel aus der Tastatur geflossen, so genau wusste er es auf Anhieb gar nicht Nach der Lesung in Sewekow, ein Kulturerlebnis höchster Güte, bin ich hochmotiviert, die Kaminer-Lücken in der häuslichen Bibliothek nach und nach zu füllen.

Vereinsvorsitzende Heidi Schäfer mit Wladimir Kaminer.

Ansonsten hatte sich der Gast, der bereits zum fünften Mal in Sewekow auftrat, in der von mir genutzten Pause eigentlich für Fragen zum Krieg in der Ukraine zur Verfügung gestellt. Er komme sich inzwischen ohnehin wie so eine Art „Last Man Standing“ vor, als aus Sicht vieler hierzulande letzter anständiger und ansprechbarer Russe in Deutschland in Zeiten des Ukraine-Krieges. Umso größer seine Verwunderung, dass die Besucher der Lesung von seinem Gesprächsangebot nicht Gebrauch machten. Aber vielleicht war es bei ihm auch Erleichterung. Seine Botschaft hat er jedenfalls klar formuliert: Diesen furchtbaren Konflikt so schnell wie möglich beenden, und möge er keine weiteren Kriege nach sich ziehen!

WhatsApp an Putin

Wladimir Kaminer geht mit dem Krieg zwischen Russen und Ukrainern auf seine Weise um. Wir haben erfahren, dass seine 90-jährige Mama im Traum eine WhatsApp an Putin gesendet und ihn aufgefordert hat, den Waffengang bis auf Weiteres zu verschieben, da dieser ihr momentan nicht in den persönlichen Veranstaltungskalender passe.

Eingeprägt hat sich mir auch die von Kaminers Tochter Nicole beigesteuerte Geschichte, in der ein Ukrainer in einer Klinik in Cherson mitten in einer Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau vom Krieg überrascht wird. Den Papieren nach noch männlich und im wehrfähigen Alter, darf er wegen der Mobilmachung nicht flüchten. Als Mann an der Schwelle zur Frau ist er aber bei der Verteidigung des Vaterlandes auch nicht gefragt, das schwäche eher die Kampfmoral, wird ihm am Sammelpunkt bescheinigt. Letztlich gelangt die Person im Kofferraum eines Pkw nach Deutschland, um hier ihre Geschlechtsumwandlung zu vollenden. Stories, die Kaminer aufsaugt wie ein Schwamm.

Fliegenklatsche, Schachcomputer und Pelmeni

Der Autor beim Signieren eines seiner Bücher.

Apropos Mama: Die alte Dame steht im Mittelpunkt des im September erscheinenden letzten Bandes „Wie sage ich es meiner Mutter“ der so genannten Corona-Trilogie. Unsere Zwerchfelle wurden wie erhofft arg strapaziert, und die Lachtränen kullerten eine um die andere bei den Auszügen, die Kaminer aus seinem Neuling las. Wie gut das in diesen getrübten Zeiten tat! Wir amüsierten uns königlich über die gescheiterte ökologische Umerziehung der Oma, die mit einer elektrischen Fliegenklatsche gegen Fruchtfliegen aus der Biotonne vorgeht und über zwei nicht energieeffiziente Kühlschränke verfügt, über den Umgang der Großmutter mit dem Schachcomputer, über Amseln, die auf dem Raucherbalkon ausgerechnet mitten im Aschenbecher brüten, über die demente Tante Inge, die wachstumsfördernd mit den Geranien ihrer Freundin spricht, und über identitätsstiftende Pelmeni, zu denen es mehr Rezepte gibt, als die russische Föderation Einwohner hat.

Zwischendurch waren wir dank Kaminer bei den Passionsfestspielen in Oberammergau. Hier sind wegen der Häufigkeit der Aufführungen alle Rollen doppelt besetzt. Auch Jesus gibt es zwei Mal, einen gegen Corona geimpften und einen nicht immunisierten, der prompt ausfiel. Nun war aber der zweite Jesus zu stattlich für den Esel, mit dem er nach Jerusalem reiten sollte. Es galt also, einen Großesel aufzutreiben und mit dessen unchristlichen Eigenheiten fertig zu werden…

Grimmiges Lieblingsausland MeckPomm

Nicht gut weggekommen sind im gerade noch brandenburgischen Sewekow die Nachbarn aus Mecklenburg-Vorpommern. Bis über beide Ohren gegrient haben wir Landesverräter trotzdem. MV sei sein liebstes Ausland, bekannte Kaminer. Einzig hier hätten Politiker auf Wahlplakaten einen ernsten Gesichtsausdruck, werde von den Einwohnern mit Stolz Unfreundlichkeit zur Schau gestellt, müsse Ordnung um jeden Preis sein und sei die Lieblingsantwort „Nee“. „Die Grimmigkeit in MeckPomm könnte glatt zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt werden“, regte der Erfolgsautor an.

Na ja, wer weiß, was er bei Lesungen in Mecklenburg-Vorpommern über die Brandenburger absondert! Übrigens wissen wir dank Plaudertasche Kaminer jetzt auch den stets finsteren Gesichtsausdruck von Heino zu deuten. Und kennen die fünf Szenarien der Apokalypse.

Vielstimmig wurde Wladimir Kaminers abschließende Frage verneint, ob er nicht ein bisschen zu häufig in Sewekow gastiere. Unter Beifall versprach er einen weiteren Auftritt, dann mit Pelmeni, aber ohne Russendisko. Ein ganz wunderbarer Spätnachmittag, vom Heimatverein perfekt organisiert, zu dem auch die Ausstellung der Berliner Malerin Yvonne Reich beigetragen hat.