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Diskurs, Jugendwerkhof, Landestheater, Mecklenburg-Strelitz, Neustrelitz, Streitbar

Zur Spielzeit 25/26 hat die TOG mit STREITBAR ein neues, regelmäßig stattfindendes Diskussionsformat etabliert, in dem talkshowartig auf dem Podium Gäste zu Themen diskutieren, die kontrovers sein können – und im Anschluss das Publikum einladen, dazu ins Gespräch zu kommen. In der dritten Ausgabe am Sonntag, 26. April (11 Uhr im Saal des Landestheaters), widmet sich Musiktheaterdramaturg Martin von Bargen dem Thema „Jugendwerkhof – Knast oder Fürsorge?“.
Von den frühen 1950er Jahren bis zum Ende der DDR bestehen als Einrichtungen der Jugendhilfe sog. Jugendwerkhöfe, in denen Jugendliche ab 14 Jahren bis zur Volljährigkeit zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ geformt werden sollen. Sie werden dort neben einer rudimentären Schulbildung zumeist als Hilfsarbeiter in Industrie und Landwirtschaft eingesetzt. Die Gründe für eine Unterbringung dort sind vielfältig: pubertäre Rebellion und sozial und psychisch auffälliges Verhalten, politische Unangepasstheit und das ‚Weglaufen‘ aus Kinderheimen führen genauso zur Einweisung wie ‚sexuelle Promiskuität‘ oder die Zugehörigkeit zur Punker-Subkultur.
Zumeist sind die Jugendlichen durch sehr schwierige soziale Verhältnisse in der Kindheit geprägt – viele werden durch die Erfahrung von seelischer und körperlicher Gewalt und Isolation in den Jugendwerkhöfen schwer traumatisiert. Einer gerichtlichen Überprüfung der (oft willkürlichen) Einweisung bedarf es in der DDR nicht, da diese als Maßnahme der Jugendhilfe zugeordnet sind.
Berliner Wissenschaftler spricht über das System
Die Veranstalter möchten sich dem System Jugendwerkhof von verschiedenen Seiten nähern – dankbarerweise hat sich Dr. Christian Sachse aus Berlin, wichtigster Vertreter der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema, bereit erklärt, über Entstehung und Organisation des Systems Jugendwerkhof zu sprechen; genauso beleuchtet werden die Aufarbeitung seit 1990, Rehabilitation und Entschädigung von dort Untergebrachten und den politischen und gesetzgeberischen Umgang damit. Dazu werden verschiedene Betroffene, die in einem Jugendwerkhof untergebracht waren, zu ihren Erfahrungen dort befragt und wie sich diese auf ihr weiteres Leben ausgewirkt haben.
Im Anschluss daran wird das Publikum die Möglichkeit haben, mit den Diskussionsteilnehmern ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und eigene Erfahrungen zu teilen. Musikalisch umrahmen wird den Vormittag mit Liedern von Wolf Biermann, Stephan Krawczyk, Bettina Wegner u.a. der Schauspieler Lennart Klappstein, seit der Spielzeit 25/26 im Ensemble des Landestheaters.
Dramaturg Martin von Bargen möchte Menschen ermuntern, die in unserer Region (z.B. in Gerswalde) oder Jugendwerkhöfen fernab des ehem. Bezirks Neubrandenburg untergebracht waren, als Gesprächspartner auf dem Podium oder in der folgenden Publikumsdiskussion über ihre Erfahrungen zu sprechen und freut sich, wenn sie Kontakt aufnehmen: m.v.bargen@tog.de. Der Eintritt ist frei. Reservieren Sie sich gern einen Platz unter 03981 20 64 00 und 0395 569 98 32 oder kommen Sie spontan vorbei.