Schlagwörter
Krümmel, Krieg, Mecklenburgische Kleinseenplatte, Politik, Schneider
Gerhard Schneider aus Krümmel ist meinen Lesern spätestens seit den „Gedanken eines alten Mannes“ kein Unbekannter mehr. Ich weiß es zu schätzen, dass er mich und damit alle Mitglieder der Strelitzius-Gemeinde an seinen Überlegungen zum Zeitgeschehen teilhaben lässt. Zum Jahresbeginn hat der Maler, einst an der Spitze der Bürgerinitiative „Freier Himmel“, erneut einen illustrierten Aufsatz verfasst.
Und einmal mehr spricht er mir mit seinen Gedanken aus der Seele. Keine Frage, dass ich Schneiders Zuschrift mit den besten Wüschen 2024 für meinen Blogfreund veröffentliche. Erst recht an einem Tag, wo ich fassungslos erfahre, dass angeblich zwei Drittel der Deutschen Kriegsminister Boris Pistorius lieber zum Bundeskanzler hätten als Olaf Scholz. Wenn auch aus einem Blatt, dass es nur online schafft zu mir durchzudringen.
Gedanken zur Zeit
BÜRGER
Nichts bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus
Und segnet Fried und Friedenszeiten.
ZWEITER BÜRGER
Ach ja Herr Nachbar, ja, so lass ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinandergehn:
Doch nur zu Hause bleibts beim alten! (Goethe, Faust I, vor dem Tor)
Goethes Worte gingen mir durch den Kopf, als ich heute meinen Morgentee trank. „Ruhig, zufrieden mit der Welt“ die TAZ las. Denkste! Ich fand die Leserbriefe auf ein Essay von Funke/von der Schulenburg (30.12.23) zum russischen Ukrainekrieg. Die Reaktionen hatte ich erwartet. Der perfekte, voll ausgebildete Beißreflex. Schon beim ersten Lesen des Essays war mir klar, was der Text auslöst. Das war gewiss dem Redakteur bewusst, der diesen Text in die Zeitung aufnahm, denke ich.
Was glauben denn die Briefeschreiber? Glauben sie ernsthaft daran, dass ihre Antwort den Krieg auch nur um eine Sekunde verkürzt? Ihre Gegenrede und Fürworte, wie Baseballschläger auf die anderen schlagend. Wenn jeder jedem, der anders tickt, Lüge oder intellektuellen Abstieg unterstellt, dient das nicht der Wahrheitsfindung. Nichts wird dadurch wahrer, nichts, kein Deut!
Wahr ist, dass in der Ukraine und in Gaza Menschen sterben, täglich, auch in der Minute, in der ich diesen Text schreibe. Wir lesen von „Game changer“, das klingt so harmlos wie die Auswechselung eines Feldspielers. Wir können das „Nachdenken“ über die Atombombe für Deutschland lesen, heute 3.1.24 in der „Süddeutschen“. Lesen im „Spiegel“, dass wohl in naher Zukunft auch deutsche Soldaten gegen Russland kämpfen könnten. Klartext: in den Krieg ziehen und getötet werden könnten. Eine Weihnachtsbotschaft anderer Art.“ Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens“. Das war Heiligabend gegen 15 Uhr in der überfüllten Kirche, und das reicht?!
Es reicht eben nicht!
Seit einiger Zeit sammle ich Wörter, ganz speziell zum Pazifismus. Gestatten Sie mir, die mir aufgefallenen Worte aufzuführen: gesunder Pazifismus – politischer Pazifismus – militanter Pazifismus – naiver Pazifismus – Lumpenpazifismus – traditioneller Pazifismus – radikaler Pazifismus -Unterwerfungspazifismus – vollendeter Pazifismus – selbstzerstörerischer Pazifismus – bequemer Pazifismus – egoistischer Pazifismus (in der Folge ihres Erscheinens in den Zeitungen). Mit diesen Begriffen werden diejenigen bewertet, die laut oder etwas leiser anderes Weltdenken anregen. Diffamierung, Verächtlichmachung. So wie wir heute über einander reden, werden wir morgen miteinander leben.
Die Gewissheit, dass nur wir bei der Sicht auf die Welt recht haben, führte schon andere in die Irre. Es sollte doch möglich sein, um nach vorn denken zu können, weiter in die Geschichte zurück zu gehen, als bis zu dem Morgen, an dem wir in einer „anderen Zeit“ wach wurden. Schlafwandler war das Wort, das Christopher Clark für sein Buch zum ersten Weltkrieg fand. Schlagen wir uns verbal weiter die Köpfe ein oder bemühen wir uns sachlich zu denken und zu argumentieren?
Mir helfen diese Leserbriefe und Dispute nicht weiter. Sie erschrecken mich. Ich erlebe in Gesprächen, dass ich, einer der Pazifisten, gefragt werde, wie stellst du dir dass Ende des Krieges vor. Ich weiß es nicht. Soll ich deshalb schweigen? Fehlt mir die Empathie mit den Opfern? Nur weil man nicht in den Chor der Anderen einstimmt, hat man kein Gefühl oder keine Achtung für die Opfer?
Meine Gesprächspartner haben eine klare Meinung. Nur ein Siegfrieden kann es sein. Sie sprechen dann von wertebasierter Ordnung. Wie soll denn die neue wertebasierte Ordnung aussehen nach dem Krieg in Europa? Welche Werte? Welche Regeln? Soll verhandelt werden oder diktiert? Eine Ordnung wie sie vor dem 24. Februar 22 und der Krimokkupation war?
Es gibt ein neues Selbstbewusstsein in der Welt. Bei Abstimmungen in der UNO schielt man jetzt weniger darauf, was „der Westen“ vorgibt. Böswillig ausgedrückt, besteht kein allgemeines Interesse daran, dass der Krieg in der Ukraine siegreich für „den Westen“ ausgeht. Und wir spüren, dass es allein mit dem Störfreimachen von Energielieferungen und anderen Wirtschaftsgütern nicht getan ist. Der „globale Süden“ ist nicht mehr der Hinterhof Europas und der USA. Er wird sich seiner Kraft bewusst. Die Globalisierung ist keine Einbahnstraße. Grob gesagt, die Globalisierung frisst ihre Väter.
Es wird anders in der Welt, dessen bin ich mir sicher. Wir sind im Krieg, in dem es den Kriegführenden im Grunde um mehr geht als um Menschenrechte und Demokratie. Mir wird Angst und Bange.

