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Initiator und Programmkurator Maksym Melnyk

Das Europäische Filmfestival dokumentART (Strelitzius berichtete) geht in diesem Jahr neue Wege der kulturellen Bildung. Erstmals kooperiert das Neubrandenburger Festival mit der Justizvollzugsanstalt Neustrelitz. Im Mittelpunkt steht dabei eine besondere Idee: Jugendliche, die derzeit eine Haftstrafe verbüßen, werden selbst Teil des Festivals – als Filmjury.

Am 9. Oktober zeigt die dokumentART in der Jugendanstalt sechs ausgewählte Kurzfilme aus dem Festivalprogramm. Die teilnehmenden Jugendlichen wählen daraus ihren persönlichen Gewinnerfilm, verfassen eine Laudatio und verleihen einen eigenen Jurypreis. Die Trophäe entsteht in der Holzwerkstatt der JVA und wird von den Jugendlichen selbst gestaltet.

Bereits einen Tag zuvor besucht eine Gruppe aus dem offenen Vollzug das Jugendprogramm der dokumentART in Neubrandenburg und erlebt das Festival gemeinsam mit anderen jungen Zuschauerinnen und Zuschauern. Die Initiative für die Zusammenarbeit entstand durch den Dokumentarfilmer und Programmkurator Maksym Melnyk. Inspiriert wurde er vom Lessinia Film Festival in Italien, bei dem Inhaftierte seit Jahren aktiv am Festivalgeschehen mitwirken.

„Wir wissen, welche Kraft Filme entfalten können“, sagt Melnyk. „Sie erzählen Geschichten  und bringen Menschen miteinander ins Gespräch. Deshalb wollten wir dieses Festival auch dorthin bringen, wo kulturelle Angebote nur selten selbstverständlich sind.“

Neue Zielgruppen erreichen

Gemeinsam mit Anna Bartholdy aus der Programmkommission begleitet er das Projekt. Für die dokumentART ist die Kooperation ein weiterer Schritt, neue Zielgruppen zu erreichen. Neben dem Jugendprogramm YOU:dok versteht sich das Festival seit vielen Jahren auch als Ort der kulturellen Bildung und gesellschaftlichen Teilhabe.

„Bei unserem Besuch in der Jugendanstalt wurde deutlich, dass viele der jungen Menschen dort schon lange vor ihrer Straftat durch unterschiedliche Hilfesysteme gefallen sind“, sagt Anna Bartholdy. „Dort, wo Schule, Elternhaus oder andere Unterstützung nicht ausreichend greifen konnten, sind Brüche entstanden. Gerade deshalb möchten wir diese Jugendlichen nicht ausschließen. Sie sind Teil unserer Gesellschaft – und sie verdienen die Chance, sich mit Geschichten auseinanderzusetzen, die Mut machen, Fragen stellen und neue Blickwinkel eröffnen.“

Idee stößt auf große Offenheit

Auch in der Justizvollzugsanstalt stößt die Idee auf große Offenheit. Nach den Einschränkungen der Corona-Jahre seien Kooperationen mit externen Partnern deutlich seltener geworden. Umso größer sei die Freude gewesen, dass die dokumentART den Kontakt gesucht hat. Als Justizvollzugsanstalt sei es ein zentraler gesetzlicher und gesellschaftlicher Auftrag, den Weg für eine erfolgreiche Resozialisierung der Inhaftierten zu ebnen. Die dokumentART biete hierfür im Oktober eine herausragende Plattform, meint Andrea Hanke, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Neustrelitz.

„Die Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Filmen fordert und fördert Kernkompetenzen, die für ein straffreies Leben nach der Haftentlassung unerlässlich sind: Perspektivwechsel, Empathie, Kritikfähigkeit und die Fähigkeit zum konstruktiven Dialog. Kulturprojekte dieser Art sind keine Privilegien, sondern wirksame Instrumente der Reintegration“, betont Andrea Hanke.

Wenn Gefangene sich als Teil eines renommierten Filmfestivals erleben, erfahren sie gesellschaftliche Teilhabe und Wertschätzung – Werte, die Selbstbewusstsein stärken und Eigenverantwortung wecken. „Ich danke den Verantwortlichen der dokumentART herzlich für den Mut und das Engagement, diese Brücke zwischen der Lebensrealität hinter Gittern und der Öffentlichkeit im Oktober zu schlagen“, sagt Andrea Hanke.

Langfristigkeit angedacht

Die Zusammenarbeit mit der JVA verstehen beide Seiten ausdrücklich als Auftakt. Wenn das Projekt von den Jugendlichen angenommen wird, soll daraus eine langfristige Kooperation entstehen. Schon im kommenden Jahr könnten die jungen Inhaftierten früher in den Festivalprozess eingebunden werden – etwa bei der Sichtung von Filmen oder sogar bei der Gestaltung eines eigenen Programmblocks.

„Wir möchten die Menschen aus der Region nicht nur als Besucher einladen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, das Festival aktiv mitzugestalten“, sagt Anna Bartholdy.  „Gerade Menschen, deren Stimmen im Kulturbetrieb selten gehört werden, können neue Perspektiven einbringen. Das macht nicht nur das Festival vielfältiger, sondern bereichert auch den Austausch mit dem Publikum“, sagt Maksym Melnyk.

Die Kooperation mit der JVA steht damit beispielhaft für die Entwicklung der dokumentART: Das Festival versteht sich zunehmend als offener Ort der Begegnung, an dem Menschen nicht nur Filme sehen, sondern selbst Teil des Festivals werden können.

Anna Bartholdy aus der Programmkommission