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Vom 30. Juni bis 6. September 2026 wird Rheinsberg zum Kunstlabor für die Opernstars von morgen: Mit dem Sommerprogramm ihres 35. Internationalen Festivals junger Opernsängerinnen bietet die Kammeroper Schloss Rheinsberg ein dichtes Festspielprogramm mit insgesamt 28 Aufführungen – von Musiktheater im Schlosshof über Open-Air-Abende im Heckentheater bis zu Konzerten im Spiegelsaal und Schlosstheater.
Als Musiktheaterproduktion stehen auf dem Spielplan: André Grétrys „Blaubart“, Giovanni Paisiellos „Der Barbier von Sevilla“ und „Dollhouse“ von Clemens K. Thomas. Erstmals steht der Festivalsommer vollständig im Zeichen der neuen künstlerischen Phase des belgischen Musikwissenschaftlers und Dichters Dr. Jelle Dierickx. Das Motto „Auf Entdeckungsreise mit Heinrich und Wilhelmine“ rückt den historischen Schlosspark als künstlerischen Resonanzraum mit eigens entwickelten Entdeckungsformaten in den Mittelpunkt. Neben dem Brandenburgischen Staatsorchester und der Kammerakademie Potsdam gastiert die Akademie für Alte Musik Berlin in der Stadt am Grienericksee.
Das Jahresmotiv verbindet die Spielzeit mit den 300. Geburtstagen des preußischen Prinzen Heinrich und Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Kassel: Gesucht werden sowohl die historischen Persönlichkeiten des Bruders Friedrichs des Großen und seiner Ehefrau als auch ihre Spiegelungen in der Gegenwart. Heinrich wird dabei insbesondere durch Wilhelmines Augen neu entdeckt. Das Programm spannt so einen Bogen von preußischer Hof- und französischer Aufklärungskultur zu europäischen Perspektiven von heute.
Oper einer Zeitenwende
Herzstück des Festivalsommers ist ein spannendes Werk aus dem revolutionären Frankreich: André-Ernest-Modeste Grétrys Opéra-comique „Blaubart“ (Raoul Barbe-bleue, UA 1789, Paris, St. Petersburg) wird als Open-Air-Produktion im Rheinsberger Schlosshof und mit der Akademie für Alte Musik Berlin gegeben. Grétrys Komödie ist mit seiner dramatischen Wucht und gesanglichen Eleganz eine frische Lesart zu den vergleichsweise viel gespielten Blaubart-Vertonungen Bartóks und Offenbachs.
Es inszeniert Maja Jantar: Neben ihrer Tätigkeit als Regisseurin und Performerin ist sie auch Keramik- und Multimedia-Künstlerin, was eine besondere Verbindung zu Rheinsberg schafft. Seit Prinz Heinrich die Gründung einer Fayence-Manufaktur ermöglichte, gilt die Stadt als traditionsreicher Keramikort mit über 250 Jahren Geschichte. Die musikalische Leitung obliegt Bernhard Forck (Aufführungen vom 7. bis 16. August). Im berüchtigten Revolutionsjahr 1789 wohnte Prinz Heinrich der Pariser Uraufführung bei. Frankreich sollte wenige Monate später in eine neue Epoche stürzen – in Rheinsberg wiederum waren die Erschütterungen der Revolution spürbar, als französische Emigranten Zuflucht fanden. So wird Grétrys Blaubart in Rheinsberg zur Oper einer Zeitenwende – und zum Schlüsselwerk des Saisonmotivs „Auf Entdeckungsreise mit Heinrich und Wilhelmine“.
Preisträgerinnen des Internationalen Gesangswettbewerbs der Kammeroper Schloss Rheinsberg erwecken die Figuren dieser doppelbödigen Parodie zum Leben. Das Libretto von Michel-Jean Sedaine verschmilzt Charles Perraults gleichnamiges Märchen mit der Legende von La Dame de Fayel – und lässt das Werk trotz düsterer Kulisse als Komödie funkeln. Unter der Oberfläche ist der Stoff jedoch scharf gezeichnet: Blaubart ist ein grausamer Mensch und bezahlt Misstrauen und Machtmissbrauch am Ende mit dem Leben – eine Wendung, die bereits im Kontext von 1789 kaum missverstanden werden konnte. In Rheinsberg wird Neugier zur Tugend – und Blaubarts berüchtigter Schlüsselbund zum Symbol: Welche Türen dürfen geöffnet werden? Welche besser nicht?
Paisiellos Figaro-Original im Schlosstheater
Die zweite große Aufführungs-Serie des Festivalsommers ist „Der Barbier von Sevilla“ – das Original von Giovanni Paisiello (Il barbiere di Siviglia, UA 1782) im Schlosstheater mit der Kammerakademie Potsdam. Die Besetzung speist sich ebenfalls aus Preisträger*innen des hauseigenen Gesangswettbewerbs; unter der musikalischen Leitung von Werner Ehrhardt spielt die Kammerakademie Potsdam. Regie führt Georg Quander, der auch die Bühne entwirft. Für Kostüm zeichnet Julia Dietrich verantwortlich.
Der Komödienstoff bildet den ersten Teil der legendären Figaro-Trilogie des Dichters Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, der mit Prinz Heinrich befreundet war – und sie wurde als Schauspiel in Rheinsberg bereits gespielt, bevor der Prinz seine erste Frankreichreise unternahm. Paisiello vertonte – während seiner Zeit als Kapellmeister am Petersburger Hof bei Katharina der Großen – das Libretto von Giuseppe Petrosellini. Es war nicht weniger als eine der kommerziell erfolgreichsten Opern jener Zeit: Paisiellos größter Bühnenerfolg blieb populär, selbst nachdem Rossini seine heute omnipräsente Version aus der Taufe hob. Das
Werk trägt vorrevolutionäre Züge: Er legt Machtspiele und Freiheitsdrang offen – und stellt Fragen nach Autorität, Rollenbildern und gesellschaftlichen Netzwerken, die das Publikum auf seiner „Entdeckungsreise mit Heinrich und Wilhelmine“ leiten soll (Aufführungen vom 11. bis 25. Juli / Die Produktion feiert ihre Premiere bereits zu Ostern 2026).
Entdeckungsformate und Genrevielfalt
Das historische Schlossareal wird beim Festivalsommer 2026 unmittelbar erfahrbar: Beim multidisziplinären Wandelkonzert für die ganze Familie „Auf Entdeckungsreise im Park von Heinrich“ folgt das Publikum der La-Fontaine-Fabel „Die Kutsche und die Fliege“ zu unterschiedlichen Pop-up-Darbietungen im Schlossgarten (4. Juli). Am Folgetag lädt das große Parkfest „Schach mit Philidor: Das musikalische Damengambit“ anlässlich des 300. Geburtstags des Komponisten und Schachmeisters François-André Danican Philidor ein: Livemusik der Rheinsberger Hofkapelle 2026/27 begleitet ein Schach-Event im Orangerieparterre, wo ein Schachbrettmotiv in die Gartenanlage integriert ist. Mutige Besucher können dabei gegen Schachmeister Jonathan Carlstedt antreten (5. Juli).
Ein Höhepunkt im Heckentheater ist „Midsommar“, das schwedische Sommerfest: Zwischen Live-Acts und schwedischen Spezialitäten zieht nordische Mitsommer-Stimmung in die malerische Kulisse des Schlosspark ein. Das A-cappella-Ensemble Kongero und die belgische Folkband WÖR treffen auf das Jazzduo Irma Neumüller und Seth Sjöström – und schlagen zugleich augenzwinkernd den Bogen zur historischen Verbindung zwischen Rheinsberg und dem schwedischen Schloss Drottningholm (19. Juli). Die Formate stehen exemplarisch für die neue künstlerische Handschrift: Sie öffnen den Festivalsommer bewusst für genreübergreifende Begegnungen – auch jenseits der Klassik.
Zudem stehen auf dem Spielplan: die Open-Air-Operngala unter dem Motto „Surprises für Heinrich“ mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt und Dirigentin Catherine Larsen-Maguire, die Liederabende „Lieder für Heinrich und Wilhelmine“ sowie das Bundesjazzorchester und die Big Band „Big Brass“.
Dollhouse als Festival-Finale
Den Abschluss des Festivals setzt die Bundesakademie für junges Musiktheater mit „Dollhouse – Eine cute Oper“ von Clemens K. Thomas – einem multimedialen Musiktheaterstück über Identitätssuche im Zeitalter sozialer Medien. Musikalisch treffen Opern- und Operetten-Referenzen auf Pop-Splitter und Live-Elektronik. Nach der Hamburger Uraufführung, deren Inszenierung für DER FAUST 2025 nominiert war, zeigt Rheinsberg nun eine eigenständige Realisierung (Aufführungen vom 5. bis 6. September).
Klingende Keramik
Im Vorfeld und parallel zum Festivalsommer lädt außerdem eine Ausstellung zum Entdecken ein: Maja Jantar, Regisseurin von „Blaubart“, zeigt vom 9. Mai bis 12. Juli im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum Rheinsberg eine Auswahl ihrer keramischen Arbeiten. Zur Eröffnung am 9. Mai um 18 Uhr lässt sie die Keramik in der Performance „Klingende Keramik“ buchstäblich erklingen.
