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Mit einem großen Fest auf ihrem Freigelände an der Schlachthofstraße hat die Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft Neustrelitz gestern gemeinsam mit Mitgliedern und Partnern das 100-jährige Bestehen der GWG gefeiert. Christian Ehlert, geschäftsführender Vorstand, hatte die Zuhörer in seiner Festrede mitgenommen auf eine Zeitreise.
„Wir befinden uns im Februar 1925, vier Monate vor unserer Gründung. Die Wohnungsstatistik des Neustrelitzer Wohnungsamtes weist aus, dass auf 643 Wohnungssuchende lediglich vier Wohnungsangebote entfallen. Die Wohnungsnot war dramatisch. Ursachen waren die Hyperinflation der frühen 1920er Jahre und der bauliche Zustand vieler Häuser in der damals etwa 200 Jahre alten Stadt Neustrelitz.
Regierungsbaurat a.D. ergreift Initiative
Einen Monat später, im März 1925, liest man in der Landeszeitung, dass der damalige Neustrelitzer Bürgermeister, Dr. Otto Heipertz, in einer Stadtverordnetenversammlung, in der es vorrangig um Geld für den Wiederaufbau des abgebrannten Landestheaters ging, den dringenden Wunsch habe, Gelder für Wohnungsbauzwecke zu beschaffen, um die Wohnungsnot zu lindern. Der Freistaat Mecklenburg-Strelitz erlässt wenige Tage später, im April 1925, Richtlinien zur Förderung des Wohnungsbaus in Form von Baudarlehen für Baugenossenschaften und private Bauherren. Dies war die Stunde unserer GWG. Die Initiative ergriff ein Mann, der sein Wissen, sein Können und auch sein Kapital für diesen Zweck zur Verfügung stellen wollte.
Der findige preußische Regierungsbaurat a. D. aus Schwerin, Joseph d´Ambley. Er selbst hatte in Schwerin schon Erfahrungen mit Baugenossenschaften gesammelt. Mit sieben weiteren Gründungsmitgliedern rief er am 17. Juni 1925 die ‚Gemeinnützige Baugenossenschaft für Mecklenburg-Strelitz‘ ins Leben. Das Gründungsgremium war besetzt mit zwei Regierungsbauräten, einem Architekt, einem Rektor, zwei Lehrern, einem Kaufmann und einem Zimmermann. Die Satzung formulierte es klar: ‚Der Zweck der Genossenschaft ist ausschließlich darauf gerichtet, Minderbemittelten gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen zu verschaffen.‘ Übersetzt in die heutige Zeit, ist es vergleichbar mit dem geförderten Wohnungsbau für Menschen mit geringem Einkommen.
Wenige Monate später wurde der Grundstein für das erste Wohnhaus gelegt – nur rund 150 Meter von unserem heutigen Veranstaltungsort entfernt, in der Friedrich-Wilhelm-Straße 19. Unser Gründungsinitiator brachte anfänglich sein eigenes Kapital mit ein. Die Mitglieder der Genossenschaft wurden gleichzeitig Miteigentümer. Ihr Engagement und ihre übernommene Mitverantwortung wirkten sich positiv auf die Entwicklung von Nachbarschaften in den neuen Wohnquartieren aus“, so der Ausflug von Christian Ehlert in die Gründerjahre.
Weitsicht, Anpassungsfähigkeit, stetige Investition
Heute verfüge die GWG über einen stabilen, nachgefragten Wohnungsbestand, hob der geschäftsführende Vorstand hervor. Der Weg hierher sei kein Selbstläufer gewesen, „sondern das Ergebnis aus Weitsicht, Anpassungsfähigkeit und stetiger Investition – getragen von einem engagierten Team, das auch in herausfordernden Zeiten nie den Blick für die Menschen verloren hat, die bei uns zu Hause sind“.
Trotz vieler Wirren in den zurückliegenden 100 Jahren mit Wirtschaftskrisen, dem II. Weltkrieg, einer verfehlten Volkswirtschaft in der DDR, den nicht zu verkennenden Herausforderungen nach der Wiedervereinigung und insgesamt vier Währungsreformen seit Gründung gehe es der GWG heute besser denn je. „Man kann sagen, wir werden mit jedem Jahr des Älterwerdens immer rüstiger, vitaler und schöner. Dies ist keine Floskel sondern eine Tatsache, die sich sowohl in unserer anhaltend geringen Leerstandsquote der zurückliegenden Jahre von durchschnittlich 1-2 %, als auch in weiteren Unternehmenskennzahlen widerspiegelt.
Unsere Häuser erstrahlen dank kluger, weitsichtiger Entscheidungen aller verantwortlichen Akteure in den zurückliegenden Jahrzehnten in sanierter historischer Eleganz. Verlässliche regionale Partnerschaften mit Handwerksbetrieben, Kreditinstituten und Fördermittelgebern sowie unseren Mitarbeitern, Mitgliedern und Bewohnern bilden dabei einen großen Baustein des gemeinsamen Erfolges für alle Beteiligten“, bekräftigte Christian Ehlert.
Auch im zweiten Jahrhundert des Bestehens der GWG bleibe der Auftrag klar: Die Bereitstellung von sicherem, bezahlbarem und zeitgemäßem Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten.
Klare Vision: Erster Neubau nach 1940
Der GWG-Chef abschließend: „Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen verändern sich teilweise rasant. Auf dem Wohnungsmarkt spüren wir dies in Form steigender Kosten, wachsender Gebäudeanforderungen sowie sich wandelnder demografischer Strukturen. Unsere Antwort darauf ist ein klares Bekenntnis zur Verlässlichkeit und regionaler Verbundenheit.
Wir werden auch künftig zum Wohle unserer Mitglieder und dem Unternehmen Genossenschaft gezielt in unseren Bestand investieren: durch Grundrissoptimierungen, eine zeitgemäße Ausstattung und eine hohe Qualität im Wohnwert zu fairen Preisen. Und wir haben eine klare Vision: Auf diesem Grundstück eines Tages den ersten Neubau unserer Genossenschaft nach 1940 entstehen zu lassen. Wir arbeiten daran und werden uns zu gegebener Zeit hier wieder sehen.“
Grußworte an die Versammelten richteten Stadtpräsident Max Odebrecht, der 2. stellvertretende Bürgermeister Nico Ruhmer und Verbandsdirektor Andreas Breitner vom Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen.
„Es war ein absolut gelungenes Fest, und wir haben enorm viel Lob und Anerkennung für unser Arbeit erhalten“, fasste Christian Ehlert im Gespräch mit Strelitzius zusammen. Geehrt wurden unter anderem die langjährigsten Genossenschaftsmitglieder für 67 und für 60 Jahre bei der GWG. Die Bewirtung am Abend übernahm Thomas Splett, am Nachmittag hatten GWG-Mitglieder für selbstgebackenen Kuchen gesorgt. Ein Höhepunkt war der Auftritt des Tanzweltstudios des FSVK 1990.


