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Der Hals der Giraffe, Landestheater, Mecklenburg-Strelitz, Neustrelitz, Premiere, Schausiel, TOG

Mit ihrer großartigen Inszenierung „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“, das Stück hatte im Januar am Schauspielhaus Neubrandenburg Premiere und wechselte nach Furore in der Vier-Tore-Stadt im Frühjahr diesen Jahres erfreulicherweise ans Landestheater Neustrelitz, hat sich Karin Herrmann dem TOG-Publikum bereits wärmstens empfohlen. Nun hat die Regisseurin nachgelegt, die ganz offensichtlich prädestiniert dafür ist, Literatur auf die Bühne zu bringen. Auch Vorlagen (Roman von Judith Schalansky), die nicht unbedingt danach schreien.
Karin Herrmann ist offensichtlich gleichermaßen mit Gespür wie mit Händchen gesegnet. „Der Hals der Giraffe“ hatte am gestrigen Abend am Landestheater Neustrelitz Premiere und wurde völlig verdient mit langem Applaus und Hochrufen quittiert. Aus einem Monolog der Biologielehrerin Inge Lohmark (Karin Hartmann) zwischen zwei gesellschaftlichen Systemen im Buch ist ein Schauspiel für sieben Darsteller geworden, das es verdient, vielerorts aufgeführt zu werden. Vor allem natürlich im Osten, für das alte Deutschland gestaltet sich die Prognose des Rezensenten schwierig.
Aller Ehren wert
Mit Karin Hartmann und Lisa Scheibner als ihre Tochter Claudia waren zwei der drei ostdeutschen Frauen erneut zu erleben, und die beiden gestandenen Miminnen haben, diesmal in die mecklenburg-vorpommersche Provinz versetzt, so was von abgeliefert. Was die Leistungen der Mitspielerinnen und Mitspieler Anika Kleinke, Kit Kanke, Larissa Emma Voulgarelis, Matthias Horn und Dirk Schmidt nicht schmälern soll, da gab es keine Abstriche. Das Schauspielensemble der TOG ist aller Ehren wert, das gilt auch 2026/27.
Als eingangs die ersten Strauße auf die Bühne liefen, kannte das Gelächter keine Grenzen. Wo ein Züchter (Matthias Horn) ist, müssen auch seine Tiere sein. Kompliment für den genialen Einfall, Menschen täuschend echt in Vögel zu verwandeln. Der Straußenhof Brandt in Vipperow hat beratend zur Seite gestanden, auch diese Sorgfalt steht zu Protokoll, den Rest konnte Theater. Sonderapplaus!
Wechselbad der Gefühle
Wer sich, vielleicht wenig oder gar nicht vorbereitet, in einer Komödie wähnte, wurde schnell zurückgeholt. In ein Wechselbad der Gefühle bis hin zur Gänsehaut, als die inzwischen in die USA ausgewanderte Tochter die Mutter anklagt, Lehrerin und allzeit streng im Dienst. Und immer wieder dieses „ja, so war es“ und „ja, so ist es“, was den Zuschauer fasziniert, ihn förmlich hineinsaugt in das Geschehen. Wiedererkennungswert, das macht gutes Theater aus.
Ein Gymnasium, dem der Nachwuchs fehlt, kurz vor der Schließung. Lehrer zwischen einst und jetzt, am Beispiel der Inge Lohmark aufgehängt. Extrem, aber mit Sicherheit kein Einzelfall. Was musste gerade diese Berufsgruppe schultern? Und was hat die Wende aus ihr gemacht? Auch hier nur Menschen, aber mit der enormen Verantwortung für andere, heranwachsende. Und mit einem Privatleben. Klammern an die Biologie als vermeintlich einzige Konstante im Leben, wo sich doch gesellschaftliche Systeme immer wieder als trügerisch erweisen. Phantastisch, Karin Hartmann! Verschwiegene Abtreibung, späte, sexuell verdächtige Zuneigung zu einer Schülerin, überfrachtet.
Authentizität hundertprozentig
Lisa Scheibner, die Tochter Claudia, die einfach nur weg wollte und eine Rückkehr ausschließt, hat wohl alle im Saal überzeugt. Matthias Horn hat als redegewandter Schulleiter und in Doppelbesetzung als schweigsamer straußenzüchtender Mann von Inge Lohmark, bleibenden Eindruck hinterlassen. In beiden Rollen war Authentizität zu erreichen, das ist ihm hundertprozentig gelungen. Dirk Schmidt als Lehrer Thiele, auch den kennt man hierzulande irgendwie, wenn auch vielleicht unter anderem Namen. Punktlandung! Anika Kleinke als Vertreterin des Neulehrertums, Zweifel am Erfolg (PISA) sind bis heute angebracht. Und dann die Youngsters Kit Kanke und Larissa Emma Voulgarelis, gern mehr von den vervielfältigten Gymnasiastinnen, auch sie von den Theaterfreunden gefeiert.
Die Beschreibung des Premierenabends wäre unvollständig, ohne das Bühnen- und Kostümbild sowie den Objektbau zu würdigen. Linda Sollacher und Ida Herrmann sind hier zu beglückwünschen. Die Unkräuter-Szene “ Die Pflanzen aber bleiben. Sie waren vor uns da, und sie werden uns überleben…“, das muss man erst mal umsetzen. Und eine Verbeugung vor dem Dramaturgen Oliver Lisewski. An die TOG wie an Karin Herrmann: Aller guten Dinge sind drei.
Nächste Vorstellungen: 3., 9., 25. Oktober, 15. November, ab 15. Januar im Schauspielhaus Neubrandenburg.
Lesen Sie auch meine Blogpartnerin Grete Weingart in der Kommentarspalte.







Zu diesem Beitrag schreibt mir meine Blogfreundin Grete Weingart aus Neustrelitz:
Aus dem inneren Monolog Inge Lohmarks in der Romanvorlage von „Der Hals der Giraffe“ hat die Regisseurin Karin Herrmann (gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Linda Sollacher und der Objekt- und Figurenbauerin Ida Hermann) eine erstaunlich lebendige und vielschichtige Bühnenfassung voller bitterer Ironie und zarter Phantasie geschaffen. Lohmarks Gedanken werden auf der Bühne sichtbar, die Figuren ihrer Welt erhalten Gesichter.
Karin Hartmann als unfreiwillig gealterter Lehrerin glaubt man jeden zynischen Kommentar zu ihren Schüler*innen, die Dispute zum untergegangenen System und zur fehlenden Utopie im Lehrerkollegium. Aber dann strahlt sie plötzlich, wenn sie von der Unfehlbarkeit der pflanzlichen Natur schwärmt.
Lisa Scheibner steht als ihre Tochter Claudia auf der Bühne, die sie wie ein Schattenbild aus der gedanklichen Welt in die Realität verfolgt, die sie nicht aus ihrem Kopf herausbekommt mit den alten gegenseitigen Vorhaltungen und Erwartungen. Wolfgang, Inge Lohmarks Mann, gespielt von Matthias Horn, einsam in seiner familiären Isolation, verkriecht sich hinter seinem Zaun und lässt die Strauße das Futter aus seiner Hosentasche picken. So kommt er wenigstens manchmal ins Regionalblatt.
Dann ist da der Kollege Thiele, gespielt von Dirk Schmidt, der sich immer noch fragt, warum der Sozialismus nicht gesiegt hat. Und die Kollegin Schwannecke (Anika Kleinke), die immer mit ihren neuen Methoden bei den Schüler*innen punktet – so abstoßend verständnisvoll und offenherzig.
Und das schlimmste der Übel – die Schüler (abwechslungsreich und rührend gespielt von Kit Kanke und Larissa Emma Voulgarelis). Für Inge Lohmark alles unzulängliche Wesen im abstoßenden Übergangsstadium der Pubertät. Aber was, wenn doch mal eins der Kinder ihr Herz erreicht?
Die Regisseurin Karin Herrmann, die in der vergangenen Spielzeit aus dem theoretischen Diskurs des Buches „Drei Ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ eine überzeugende Bühnenfassung in Neustrelitz auf die Bühne brachte, hat erneut eine wunderbare Inszenierung geschaffen, voller Raum für Rückblicke, für Fragen, für persönliche Geschichten und gesellschaftliche Prozesse.
Es gibt vieles zu entdecken in diesem Stück, in dem die Schauspieler in unterschiedliche Rollen schlüpfen und uns magische Momente schaffen, um dann in die Realität zurückzukehren: Was macht die ewige Enttäuschung aus uns und mit uns? Welchen Dingen geben wir Raum, welchen nicht?
Vielleicht fällt Ihnen die Entscheidung nach diesem Theaterabend etwas leichter. Eine klare Empfehlung!