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Matthias Horn, Kit Kanke, Lisa Scheibner, Karin Hartman, Dirk Schmidt, Anika Kleinke (von links). Fotos: Peter van Heesen

Mit ihrer großartigen Inszenierung „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“, das Stück hatte im Januar am Schauspielhaus Neubrandenburg Premiere und wechselte nach Furore in der Vier-Tore-Stadt im Frühjahr diesen Jahres erfreulicherweise ans Landestheater Neustrelitz, hat sich Karin Herrmann dem TOG-Publikum bereits wärmstens empfohlen. Nun hat die Regisseurin nachgelegt, die ganz offensichtlich prädestiniert dafür ist, Literatur auf die Bühne zu bringen. Auch Vorlagen (Roman von Judith Schalansky), die nicht unbedingt danach schreien.

Karin Herrmann ist offensichtlich gleichermaßen mit Gespür wie mit Händchen gesegnet. „Der Hals der Giraffe“ hatte am gestrigen Abend am Landestheater Neustrelitz Premiere und wurde völlig verdient mit langem Applaus und Hochrufen quittiert. Aus einem Monolog der Biologielehrerin Inge Lohmark (Karin Hartmann) zwischen zwei gesellschaftlichen Systemen im Buch ist ein Schauspiel für sieben Darsteller geworden, das es verdient, vielerorts aufgeführt zu werden. Vor allem natürlich im Osten, für das alte Deutschland gestaltet sich die Prognose des Rezensenten schwierig.

Aller Ehren wert

Mit Karin Hartmann und Lisa Scheibner als ihre Tochter Claudia waren zwei der drei ostdeutschen Frauen erneut zu erleben, und die beiden gestandenen Miminnen haben, diesmal in die mecklenburg-vorpommersche Provinz versetzt, so was von abgeliefert. Was die Leistungen der Mitspielerinnen und Mitspieler Anika Kleinke, Kit Kanke, Larissa Emma Voulgarelis, Matthias Horn und Dirk Schmidt nicht schmälern soll, da gab es keine Abstriche. Das Schauspielensemble der TOG ist aller Ehren wert, das gilt auch 2026/27.

Als eingangs die ersten Strauße auf die Bühne liefen, kannte das Gelächter keine Grenzen. Wo ein Züchter (Matthias Horn) ist, müssen auch seine Tiere sein. Kompliment für den genialen Einfall, Menschen täuschend echt in Vögel zu verwandeln. Der Straußenhof Brandt in Vipperow hat beratend zur Seite gestanden, auch diese Sorgfalt steht zu Protokoll, den Rest konnte Theater. Sonderapplaus!

Wechselbad der Gefühle

Wer sich, vielleicht wenig oder gar nicht vorbereitet, in einer Komödie wähnte, wurde schnell zurückgeholt. In ein Wechselbad der Gefühle bis hin zur Gänsehaut, als die inzwischen in die USA ausgewanderte Tochter die Mutter anklagt, Lehrerin und allzeit streng im Dienst. Und immer wieder dieses „ja, so war es“ und „ja, so ist es“, was den Zuschauer fasziniert, ihn förmlich hineinsaugt in das Geschehen. Wiedererkennungswert, das macht gutes Theater aus.

Ein Gymnasium, dem der Nachwuchs fehlt, kurz vor der Schließung. Lehrer zwischen einst und jetzt, am Beispiel der Inge Lohmark aufgehängt. Extrem, aber mit Sicherheit kein Einzelfall. Was musste gerade diese Berufsgruppe schultern? Und was hat die Wende aus ihr gemacht? Auch hier nur Menschen, aber mit der enormen Verantwortung für andere, heranwachsende. Und mit einem Privatleben. Klammern an die Biologie als vermeintlich einzige Konstante im Leben, wo sich doch gesellschaftliche Systeme immer wieder als trügerisch erweisen. Phantastisch, Karin Hartmann! Verschwiegene Abtreibung, späte, sexuell verdächtige Zuneigung zu einer Schülerin, überfrachtet.

Authentizität hundertprozentig

Lisa Scheibner, die Tochter Claudia, die einfach nur weg wollte und eine Rückkehr ausschließt, hat wohl alle im Saal überzeugt. Matthias Horn hat als redegewandter Schulleiter und in Doppelbesetzung als schweigsamer straußenzüchtender Mann von Inge Lohmark, bleibenden Eindruck hinterlassen. In beiden Rollen war Authentizität zu erreichen, das ist ihm hundertprozentig gelungen. Dirk Schmidt als Lehrer Thiele, auch den kennt man hierzulande irgendwie, wenn auch vielleicht unter anderem Namen. Punktlandung! Anika Kleinke als Vertreterin des Neulehrertums, Zweifel am Erfolg (PISA) sind bis heute angebracht. Und dann die Youngsters Kit Kanke und Larissa Emma Voulgarelis, gern mehr von den vervielfältigten Gymnasiastinnen, auch sie von den Theaterfreunden gefeiert.

Die Beschreibung des Premierenabends wäre unvollständig, ohne das Bühnen- und Kostümbild sowie den Objektbau zu würdigen. Linda Sollacher und Ida Herrmann sind hier zu beglückwünschen. Die Unkräuter-Szene “ Die Pflanzen aber bleiben. Sie waren vor uns da, und sie werden uns überleben…“, das muss man erst mal umsetzen. Und eine Verbeugung vor dem Dramaturgen Oliver Lisewski. An die TOG wie an Karin Herrmann: Aller guten Dinge sind drei.

Nächste Vorstellungen: 3., 9., 25. Oktober, 15. November, ab 15. Januar im Schauspielhaus Neubrandenburg.

Lesen Sie auch meine Blogpartnerin Grete Weingart in der Kommentarspalte.

Ensemble: Larissa Emma Voulgarelis, Matthias Horn, Lisa Scheibner, Karin Hartmann, Anika Kleinke, Kit Kanke, Dirk Schmidt (von links). Foto: Grete Weingart
Regieteam: Mara Nitz, Linda Sollacher, Ida Hermann, Karin Hermann, Oliver Lisewski (von links). Foto: Grete Weingart
Karin Hartmann (links) und Lisa Scheibner.
Mathias Horn.
Anika Kleinke (links) und Karin Hartmann, hinten Lisa Scheibner.
Dirk Schmidt