Schlagwörter

, , , , , ,

Fritzi Haberlandt mit Kinoleiter Horst Conradt.

Was für ein Ansturm gestern Abend in der Alten Kachelofenfabrik Neustrelitz! Der vom Team des Hauses mit Bravour gemeistert wurde. Schon im Vorfeld des Besuchs von Fritzi Haberlandt, die mit dem Film „Wilma will mehr“ (2025) aktuell auf Tournee durch die Lichtspieltheater der Republik ist, hatte sich abgezeichnet, dass die bescheidene Kapazität des Fabrik.Kinos 1 nicht ausreichen wird. Also wurde kurzerhand die größere Fabrik.Scheune hinzugenommen und von dort die Veranstaltung live nach nebenan übertragen.

Die Aufführung des Films von Regisseurin und Drehbuchautorin Maren-Kea Freese mit Fritzi Haberlandt in der Titelrolle stimmte bereits vortrefflich auf diesen außergewöhnlichen Abend ein. Das ganz besondere Porträt einer starken Frau aus der schwer angeschlagenen Lausitz, die Ende der 90-er Jahre als beschäftigungslose Elektrikerin nach Wien geht, um dort Arbeit zu finden, und nebenbei die Freude am Leben zurückgewinnt, geht unter die Haut. Das Spiel der Hauptdarstellerin ist ebenso authentisch wie grandios, eine Bessere hätte man für die Rolle wahrscheinlich kaum finden können. Unbedingte Film-Empfehlung von mir, der ich die Schauspielerin seit Jahren ob ihrer eindringlichen Natürlichkeit bewundere! Der Film „Wilma will mehr“ wird noch von heute bis Mittwoch jeweils um 20.15 Uhr gezeigt, soll aber laut Kinoleiter Horst Conradt als besonders wertvoll später noch einmal ins Programm aufgenommen werden.

Eben noch auf der Autobahn von Braunschweig nach Neustrelitz, trat Fritzi Haberlandt pünktlich mit dem Abspann vor ihr Publikum in der Fabrik.Scheune. „Dieser Film ist ein großes Glück für mich. Ich wollte der Wilma unbedingt mein Gesicht geben“, antwortete der prominente Gast auf eine entsprechende Frage von Moderator Horst Conradt. „Ich habe mich intensiv auf die Rolle vorbereitet, recherchiert, psychologische Feinheiten herausgefunden, mich der Figur Wilma immer mehr angenähert, bis sie schließlich in mir war. Irgendwann fühlte ich mich unheimlich frei und sicher. Eine echte Bereicherung für mein Leben.“ Wilma stehe zu ihrer Biografie und lasse sich nicht kleinmachen. Ein Beispiel für viele Frauen im Osten, unbedingte Realität. „Hochachtung für Wilma, es wurde viel verlangt von den Menschen hier, das muss man einfach sehen“, bekräftigte Fritzi Haberlandt unter dem Applaus ihrer Zuhörer in der Scheune.

Ein großes Erkennen, auch Erschütterung

Wie bewertet die gebürtige Ostberlinerin das Thema, die 1991 im Alter von 16 Jahren mit der Familie nach Schleswig-Holstein gezogen war, jetzt wieder in Berlin und in der brandenburgischen Schorfheide lebt? Sollte die Wiedervereinigung nicht irgendwann abgehakt sein? Nein, so Fritzi Haberlandt, mit der Wende in Deutschland seien gesellschaftliche Prozesse angeschoben worden, die bis heute nicht abgeschlossen sind. Natürlich sei der Film ein Risiko gewesen, aber die Resonanz in Ost und West zeige, dass er geglückt ist. Es gebe ein großes Erkennen, aber auch Erschütterung bei den Zuschauern.

Das sei vor allem auch Maren-Kea Freese zu danken, die sich mit Akribie auf den Osten und seine Menschen vorbereitet und ein fast perfektes Drehbuch vorgelegt habe. Da habe es nicht viel zu diskutieren gegeben, vielmehr sei es ein „freudige Erarbeiten der Rollen“ gewesen. Und letztlich stehe nicht die Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Mittelpunkt, es gehe um keine politische Abhandlung, sondern eine beeindruckende Frau, die fällt und wieder aufsteht. Das verstehe man überall.

Das Publikum brachte Fritzi Haberlandt an diesem Abend jede Menge Hochachtung für ihre Leistung entgegen, in einem Fall trefflich als „spektakulär unspektakulär“ bewertet. Diese Wertschätzung galt gleichermaßen Maren-Kea Freese. Und natürlich gab es auch sehr heitere Momente. So wurde der Mimin aus dem Saal eine Jobangebot als Elektrikerin unterbreitet. „Wenn das Geld stimmt“, konterte Fritzi Haberlandt. Die übrigens Wilma einen ostdeutschen Trinkspruch in den Mund gelegt hat: „Zieh auf Null die Pfütze“. Den kannte der Ossi Strelitzius noch gar nicht. Danke für einen ganz wunderbaren Abend an Fritzi Haberlandt, der ich bald wieder einen Kinofilm wünsche, und an meine Partner von der Kachelofenfabrik.