Schlagwörter

, , , , , , ,

Das Bürgerbegegnungszentrum „Alte Feuerwehr“ hat nach der Palliativtagung im Juni (Strelitzius berichtete) erneut seine Multifunktionalität unter Beweis gestellt. So mancher Besucher der gestrigen Vernissage zur Ausstellung über das künstlerische Schaffen von Lea Grundig (1926 bis 1977) hat sich die Augen gerieben ob der Verwandlung der Halle. Prof. Dr. Sigrid Jacobeit vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsidentin der Summerschool am Gymnasium Carolinum brachte es dann auch an die Adresse der Stadt und ihres Bürgermeisters Henry Tesch auf den Punkt: „Das ist der schönste Raum, an dem wir die Ausstellung bisher aufbauen durften, mich erfüllt Freude und Dankbarkeit.“ Es ist seit September 2022 die sechste Station der grandiosen Werkvorstellung.

„Auf das neue Zentrum sind wir auch ein bisschen stolz“, so Henry Tesch. „Viele weitere Veranstaltungen in einem breiten Spektrum werden folgen.“ Der Bürgermeister übermittelte Grüße von Landrat Heiko Kärger, der die Ausstellung in Mirow außerordentlich gewürdigt habe.

Begeisterung wird immer größer

Prof. Sigrid Jacobeit

Prof. Jacobeit hat mehr als zwölf Jahre die Gedenkstätte Ravensbrück geleitet. In dieser Zeit stieß die Wissenschaftlerin auf Arbeiten von Lea Grundig, die ihr Interesse weckten. Recherchen führen sie zu Dr. Maria Heiner, Hausärztin von Lea Grundig in Dresden und Sammlerin ihrer Werke. „Je mehr Arbeiten ich sah, umso größer wurde meine Begeisterung“, schilderte die Fürstenbergerin. Die Idee, ein Projekt zum Schaffensprozess von Lea Grundig als Seminar anzubieten, war geboren.

Lea Grundig hinterließ rund 4.200 Arbeiten – Grafiken, Radierungen, Linolschnitte, Lithografien, Aquarelle -, darunter in Palästina Illustrationen von 20 Kinderbüchern. Außerdem illustrierte sie drei Bände von Grimms Märchen und das Kommunistische Manifest, zu besichtigen in einer Vitrine in der Mirower Exposition. Die Forschungen führten auch nach Israel, wo die Gruppe die Archivarin Rina Offenbach kennenlernte, die sich ins Projekt einbrachte und zur Vernissage begrüßt werden konnte.

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt führte auch zu Schenkungen. So sind in Mirow auf Staffeleien Porträts zu sehen, die Lea Grundig und ihren Mann Hans Grundig zeigen. Außerdem gab es im vergangenen Monat die Buch-Veröffentlichung im Verlag Hentrich & Hentrich Leipzig „Hommage an den Menschen“ zu Lea Grundig, herausgegeben von Prof. Sigrid Jacobeit. Schmitts Buchhandlung in Mirow bietet das Buch in der Ausstellung an.

Arbeiten aus dem unmittelbaren Erleben

Anna Schlotmann

Masterstudentin Anna Schlotmann referierte in der „Alten Feuerwehr“ zu Frauendarstellungen von Lea Grundig in den Jahren 1928 bis 1934. „Ihre Werke enthalten die wahre Geschichte ihrer Zeit, wie sie nur von wenigen erkannt wurde. Die Wahrheit in ihren Bildern ist überprüfbar und unbestreitbar. Sie verfügen über die Überzeugungskraft des Authentischen, denn ihre Zeichnungen entstanden aus dem unmittelbaren Erleben“, stellte Anna Schlotmann heraus. „Das Einzigartige an Lea Grundigs Werken liegt in ihrer Fähigkeit, das Beobachtete zu symbolischen Darstellungen von universeller Bedeutung zu transformieren.“ Die Studentin wünschte allen Ausstellungsbesuchern Freude, Erkenntnisgewinn und Faszination mit den Arbeiten von Lea Grundig.

Eine kleine Atempause von der Hölle

Den Schlusspunkt setzte Rina Offenbach. Sie war die Archivarin des Lagers für illegale Einwanderer in Atlit, in dem Lea Grundig 1940 etwa elf Monate verbrachte und künstlerisch arbeitete. Die direkt aus Israel Angereiste nutzte ihren Auftritt in Mirow, um über die aktuelle gesellschaftliche Situation in ihrem Land zu informieren. Ihren Aufenthalt in Mirow bezeichnete die in der Friedensbewegung Engagierte als „eine kleine Atempause von der Hölle, in der wir in letzter Zeit in Israel und im Nahen Osten leben“.

Rina Offenbach

Rina Offenbach berichtete eindringlich von der Spaltung der Gesellschaft in Israel in Regierungsanhänger und Gegner. „Das ist eine wackelige Welt, aus der ich zu euch komme und in der ich lebe. Die Angst und die Sorge kommen nicht vom äußeren, sondern vom inneren Feind. Und die Angst ist enorm.“

Die Archivarin sprach von einem gemeinsamen nationalen Trauma, einer schweren psychologischen Last, die sich auf die gesamte Öffentlichkeit in Israel gelegt habe. „Wir sind gespalten wie nie zuvor, Stämme und Gruppen voller Hass aufeinander, Hass und Aggressivität. Das ist kein Leben. Nicht für uns, und nicht für unsere Nachbarn.“

Die Vernissage wurde von den Klarinettistinnen Kathleen Reetz, Lina Lustig und Jessica Berger musikalisch umrahmt, die viel Beifall für ihre Darbietungen erhielten. Die Ausstellung ist bis zum 11. September (Finissage) montags bis mittwochs von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen.

Rina Offenbach, Prof. Sigrid Jacobeit, Anna Schlotmann und Henry Tesch (von links).