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Am 11. Juli 1941 wurden 100 Patienten zur „Entsorgung“ von der Domjüch in Altstrelitz nach Bernburg gebracht, Opfer eines grausamen Systems, das Menschen entmenschlichte und als lebensunwert vernichtete. „Heute, genau 85 Jahre später, sprechen diese Opfer zu uns in einer Botschaft, die weit über Schmerz und Verlust hinausgeht. Würden sie uns etwas sagen, wäre es eine Stimme des Lebens, der Hoffnung und des unerschütterlichen Glaubens an die Menschlichkeit.“ Eindringliche Worte von Christel Lau, Vorsitzende des 2010 gegründeten Vereins zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrenanstalt, gestern beim Fest der Vielfalt auf dem Domjüch-Gelände vor rund 200 Besuchern (Strelitzius berichtete kurz).

„Als Menschen, die trotz allem geliebt haben, geliebt wurden und gelebt haben, möchten uns die Opfer daran erinnern, dass jeder Menschen einzigartig und wertvoll ist. Ihre Stimmen mahnen uns, dass wir die Würde eines jeden Menschen achten und schützen müssen“, betonte die Vorsitzende. „Sie fordern uns auf niemals wieder zuzulassen, dass Angst, Vorurteile oder Gleichgültigkeit zu Leid und Unrecht führen. Die Opfer von Bernburg würden uns ermutigen Brücken zu bauen statt Mauern. Mitgefühl zu zeigen statt Ausgrenzung. Sie wollen, dass wir die Vielfalt unserer Gesellschaft feiern und in ihr die Stärke erkennen. Ihr Schicksal mahnt uns wachsam zu sein gegen jede Form von Hass und Diskriminierung.“ Das Gedenken an die Euthanasie-Opfer sei kein bloßer Rückblick, sondern eine lebendige Mahnung. Jeder könne einen Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft leisten. Die komplette Rede von Christel Lau hänge ich unten an.

Gedenkkerzen entzündet

Bewegender Höhepunkt beim Fest der Vielfalt war das Entzünden von Gedenkkerzen durch Paten, 72 mit Namen versehen und weitere drei für die namentlich nicht bekannte Patientinnen und Patienten des Transportes vom 11. Juli 1941 von der Domjüch nach Bernburg in den Tod. Die Kerzen wurden in liebevoller Handarbeit von Beschäftigten der Lebenshilfe Waren hergestellt. Die drei extra großen Kerzen trugen die Inschriften „Wir gedenken all jener, deren Namen wir nicht kennen“, „Zur Mahnung vor Willkür und Menschenfeindlichkeit“ sowie „Jeder Mensch ist wichtig“. Unter den auf die Domjüch Gekommenen auch der Neustrelitzer Bürgermeister Andreas Grund und die SPD-Landtagskandidatin Diana Goede.

Pastorin Seidel: Jeder Mensch hat Wert und Würde

Bei einem Gottesdienst mit Pastorin Cornelia Seidel und Franziskaner Bruder Gabriel wurde gemeinsam das Lied von Gerhard Schöne „Trommle, mein Herz“ gesungen. Die Geistliche stellte in ihrer Predigt heraus, dass keinem Menschen das Recht zu leben abgesprochen werden dürfe. „Es gibt Menschen, die sind anders, es fängt an in unserem Kopf, wie wir denken. Wenn es jetzt wieder Kräfte gibt, die sagen, die einen dürfen hier leben, für die lohnt es sich Geld auszugeben und sich zu engagieren, und für die anderen nicht, dann gerät da etwas in Schieflage. Menschen sind verschieden, aber jeder Mensch, jedes Leben, ist ein Geschenk Gottes. Jeder hat Wert und Würde.“

Projektpartnerin dankt Verein

Dr. Constanze Jaiser von der Geschichtswerkstatt zeitlupe / RAA – Demokratie und Bildung M-V als Projektpartner führte noch einmal in die Geschichte des von den Nationalsozialisten begangenen staatlichen Euthanasie-Massenmords zurück, dem fast 300.000 Menschen als „minderwertig“ zum Opfer fielen, darunter auch tausende Säuglinge und Kinder. Dem Verein zum Erhalt der Domjüch und insbesondere dem Vereinsmitglied Reinhard Simon sei es zu danken, dass durch jahrelange intensive Recherchen Namen und Schicksale von der Domjüch dem Vergessen entrissen worden sind.

An dem Gedenkprojekt beteiligt waren Wohngruppen, Schüler, Künstler und nicht zuletzt Josepha Dietz, von Constance Jaiser als „Organisationswunder“ gewürdigt. Der Nachmittag klang mit vielen Gesprächen und Mitmachangeboten aus.

Das Projekt wird vom Verein zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrenanstalt e.V. in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt zeitlupe (RAA Mecklenburg-Vorpommern) durchgeführt. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft mit dem Programm „Jugend erinnert engagiert“ sowie von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt.

Jeder Pate nahm seine Gedenkkerze mit dem Namen eines der Opfer in Empfang, entzündete sie und stellte sie auf.
Christel Lau bei ihrer bewegenden Rede.
Franziskaner Bruder Gabriel und Pastorin Cornelia Seidel beim Gottesdienst.
Rund 200 Besucher waren zum Fest der Vielfalt auf das Domjüch-Gelände gekommen.
Selma Mörchen und Hendrikje Meier von der Kreismusikschule Kon.centus.