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Löscharbeiten außerhalb munitionsbelasteter Flächen, © Jörg Westphal

Jörg Westphal, Amtierender Gemeindewehrführer der Residenzstadt Neustrelitz, hat vom vom Brand auf dem ehemaligen Panzerübungsplatz nahe der Residenzstadt im Juni dieses Jahres ein Einsatztagebuch veröffentlicht. „Vegetationsbrände, egal ob Wald- oder Ödlandbrände, sind für die Freiwillige Feuerwehr Neustrelitz nicht ungewöhnlich. Das kommt immer wieder einmal mit unterschiedlicher Einsatzdauer vor. Der Brand im Juni 2026 auf dem ehemaligen Panzerübungsplatz an der B 193 nördlich von Neustrelitz wird in der Einsatzgeschichte der Feuerwehr jedoch einen herausragenden Platz einnehmen“, schreibt Westphal.

Tag 1 – Mittwoch, 24. Juni

Am 24. Juni um 12.32 Uhr springen bei allen Feuerwehrleuten der Feuerwehr Neustrelitz die Funkmeldeempfänger an, in der Stadt heulen die Sirenen auf. Ein Blick auf das Anzeigetableau lässt die Feuerwehrleute wissen, dass es zum ehemaligen Panzerübungsplatz an der B 193 geht. Dort brennt es. Am Schluss der Alarmierungsmeldung steht noch ein kleiner, jedoch bedeutungsvoller Zusatz: Achtung Kat. 4! Nach dem Kampfmittelkataster Mecklenburg-Vorpommern bedeutet dieser Zusatz, dass das Betreten der Fläche absolut verboten und zu Bränden ein Abstand von mindestens 1.000 Metern einzuhalten ist.

Damit hat die Feuerwehr nun zwei große Probleme bei der Brandbekämpfung und es steht fest: Eine aktive Brandbekämpfung direkt am Feuer fällt als Einsatztaktik aus. Von der B 193 aus ist in einiger Entfernung aufsteigender Rauch zu sehen. Mehr nicht. Die Feuerwehr benötigt dringend dauerhafte Unterstützung aus der Luft, um einen Überblick über die Lage zu bekommen. Dazu wird die Drohneneinheit der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte angefordert. Knapp eine Stunde nach Einsatzbeginn gibt es erste Luftbilder. Da brennt bereits eine Fläche von 4 Hektar. Der Wind ist schwach bis mäßig, wechselt jedoch ständig die Richtung. Das Feuer kann sich ungehindert in alle Himmelsrichtungen ausbreiten.

Ab sofort werden Verstärkungskräfte angefordert, die Anzahl der Einsatzkräfte und der Einsatztechnik wächst von nun an kontinuierlich. Nachdem erste Explosionen zu hören sind, wird die Führungsstelle zur Rettungswache Nord verlegt. Dort – beim Hubschrauberlandplatz nahe des DRK Krankenhaus Mecklenburg Strelitz – wird sie bis zum Einsatzende verbleiben. Die Feuerwehr kann in sicheren Bereichen nun dazu übergehen, angrenzende Gebiete zu schützen. Mitten durch das ehemalige Übungsgelände verläuft eine Starkstromfernleitung, die Neustrelitz mit Strom versorgt. Diese muss unbedingt geschützt werden. Da die Trasse der Leitung frei von Munition ist, wird auf ihr vom gegenüberliegenden Ende des Übungsplatzes aus eine Wassertrasse aus Kreisregnern in östliche Richtung errichtet – alle 20 Meter ein Regner. Das vorhandene Material reicht für 640 Meter. Andere Landkreise werden die nächsten Tage mit zusätzlichem Material aushelfen.

Am späten Nachmittag drückt der Wind Rauch und Feuer in Richtung der Stadt. Erste Evakuierungen sind notwendig, können nach einigen Stunden aber wieder aufgehoben werden. Der Rauch hält sich im Stadtgebiet teilweise noch bis zum nächsten Morgen. Bis zum Abend fallen den Flammen rund 80 Hektar Vegetationsfläche zum Opfer.

Tag 2 – Donnerstag, 25. Juni

Über Nacht hat der Wind abgeflaut, sodass das Feuer bis zum Morgen nur 150 Meter in nordwestliche Richtung vorankommt. Mit Sonnenaufgang nimmt der Wind wieder zu, bleibt aber in seiner Richtung relative stabil. Mit Hochdruck wird an der zweiten Verteidigungslinie, die ebenfalls aus Kreisregnern besteht und unmittelbar am Beginn der ersten Linie anschließt, gebaut. So entsteht ein Dreieck, in das das Feuer hineinläuft, wenn die Windrichtung stabil bleibt. Am Ende wird die nach Süden verlaufende Linie noch einmal in östlicher Richtung verlängert. Auch wenn es verlockend ist, auf einer Freifläche zusätzlich einen Schutzstreifen zu pflügen, muss das ungeschehen bleiben. Es darf nicht einmal ein Spaten in den Boden gestoßen werden. Niemand weiß, wo hier Munition unmittelbar unter der Erdoberfläche liegen könnte.

Das Wasser für die Kreisregner wird aus dem Großen Bodensee und dem Langhäger See über eine Strecke von 1,4 km bzw. 3 km herangepumpt. Mit Tanklöschfahrzeugen wird eine dritte rund 500 Meter lange Linie am Solarpark Sophienhof verteidigt. Diese muss jedoch aufgegeben werden, weil der sich drehende Wind das Feuer direkt auf die Feuerwehrleute zutreibt und der
notwendige Sicherheitsabstand nicht mehr eingehalten werden kann. Die verbrannte Fläche vergrößert sich bis zum nächsten Morgen auf insgesamt 130 Hektar.

Tag 3 – Freitag, 26. Juni

Ein erstes Aufatmen am Morgen. Das Feuer wurde zum Teil von der zweiten Verteidigungslinie aus Kreisregnern aufgefangen oder hat sich in bereits abgebrannten Flächen totgelaufen. Hier und da brennt es aber noch. Die an dieser Linie eingesetzten Kräfte dürfen deshalb keinesfalls in ihren Anstrengungen nachlassen.

Ein neuer Brandherd – knapp 3 Hektar groß – hat sich gebildet und breitet sich nach Norden in Richtung Hochspannungsleitung aus. Fieberhaft wird daran gearbeitet, die an der Hochspannungsleitung verlaufende Verteidigungslinie aus Kreisregnern in Richtung B 193 zu verlängern. Die letzten 1.600 Meter ist kein Vorankommen mehr. Auf einem für die Feuerwehr nutzbaren Weg wird die Verteidigungslinie nach Norden bis zu einem parallel zur Hochspannungsleitung verlaufenden Waldweg verlängert. Dieser liegt bereits außerhalb der munitionsbelasteten Fläche, ist von der Bahnlinie aber nur noch 250 Meter entfernt. Ab sofort pendeln auch hier Tanklöschfahrzeuge und benässen das Gelände.

Das nach Norden ziehende Feuer kommt glücklicherweise nur sehr langsam voran. Als es jedoch dichter als 200 Meter an die Hochspannungsleitung herankommt, gibt es für den Energieversorger nur noch eine Option: Die Leitung wird abgeschaltet. Bis zum Abend verändert sich die Lage nicht mehr wesentlich.

Tag 4 – Samstag, 27. Juni

Es weht kaum Wind an diesem Tag. Das Feuer, das am Vortag langsam in nördliche Richtung zog, steht fast auf der Stelle. Sämtliche Maßnahmen der Feuerwehr sind weiterhin in Kraft. Am Solarpark Sophienhof kann die zuvor aufgegebene Verteidigungslinie wieder mit Technik und Personal besetzt werden. Inzwischen verteidigen die Feuerwehrkräfte eine durchgehende Linie von 6,3 Kilometern. Die Lage bleibt bis zum Abend stabil.

Tag 5 – Sonntag, 28. Juni

Am Verteidigungsabschnitt Solarpark Sophienhof herrschen im Boden zum Teil immer noch Temperaturen von bis zu 180°C. Hier muss also noch weiter gekühlt werden. Das Feuer, das am Vortag noch die Hochspannungsleitung bedroht hatte, ist während der Nachtstunden von selbst erloschen. Gegen Mittag erfolgt eine neue Lagebewertung: keine offenen Flammen und keine Rauchentwicklungen mehr feststellbar. Die Einsatzleitung trifft daher folgende Entscheidung: Bis 18 Uhr wird der Einsatz „auf Null“ gefahren, Kreisregner und Schlauchleitungen zu den Seen bleiben eine Woche liegen, damit sie im Falle des Wiederaufflammens sofort besetzt werden können.

Kurz nach 16 Uhr verlässt der diensthabende Einsatzleiter als letzter Feuerwehrmann den Einsatzort. Der Betreuungszug packt auch zusammen, dann ist auch er auf dem Heimweg. Nach der Übergabe der Einsatzstelle an den Eigentümer – das Nationalparkamt – ist dieser nun für die Brandwache verantwortlich. Kräftige Regenschauer in den folgenden Tagen sorgen bei allen Beteiligten für Erleichterung.

Was bleibt

An diesem Einsatz im Juni 2026 waren eine Vielzahl an Feuerwehren aus dem gesamten Landkreis Mecklenburgische Seenplatte – dem flächenmäßig größten der Bundesrepublik Deutschland – und vierBetreuungszüge aus drei weiteren Landkreisen sowie das Technische Hilfswerk mit insgesamt rund 400 Einsatzkräften beteiligt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit waren im Durchschnitt mindestens 150 Einsatzkräfte gleichzeitig vor Ort. Dabei wurden mehr als 35 km Schlauchleitungen verlegt. Trotz aller Anstrengungen gingen 135 Hektar Vegetationsfläche durch den Brand verloren.

Allen Einsatzkräften der beteiligten Hilfsorganisationen gebührt großer Dank und höchste Wertschätzung für ihren aufopferungsvollen Einsatz. Dank gilt auch den Landwirten, Fuhrunternehmern und Forstleuten, die ihre Technik zur
Verfügung gestellt haben, um Wasser und Gerät dorthin zu transportieren, wo es gebraucht wurde. Nicht vergessen werden sollen alle Menschen, die ihre Einkaufskörbe beluden und die in Bereitschaft stehenden Einsatzkräfte zusätzlich mit Getränken versorgt oder in anderer Form geholfen haben.

Was bleibt, ist die tiefe Dankbarkeit für die breite Unterstützung und den unbeirrbaren Zusammenhalt. Nur zwei Wochen später sind Teile der Freiwilligen Feuerwehr Neustrelitz wieder an einem Großeinsatz beteiligt – dieses Mal brennt es im Müritz-Nationalpark.

Brandgeschehen bei Nacht, © Jörg Westphal
Luftbilder vom Vegetationsbrand, © Jörg Westphal