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Für Vertreter meines Berufsstandes gab es heute Vormittag eine exklusive Führung durch die neue Ausstellung „Liebe oder Last?! Baustelle Denkmal“ (Strelitzius berichtete) der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Schlosskirche Neustrelitz. Sie ist vom 4. Juli, also morgen, bis zum 28. September zu besichtigen. Und, um es vorwegzunehmen, die Schau – „Betreten der Baustelle erwünscht“ – ist den Besuch unbedingt wert, rückhaltlos zu empfehlen. Nicht umsonst hat die herausragende Exposition zwei nationale und einen internationalen Designpreis bekommen und sich bei einer der Ausschreibungen gegen sage und schreibe 20.000 Mitbewerber durchgesetzt.

Das Vergnügen heute war umso größer, als den Journalisten bei ihrem Rundgang mit Eva Masthoff eine Fachfrau zur Verfügung stand, wie man sie in ihrer Vortragskunst gewiss nicht alle Tage findet. Die Leiterin der Abteilung Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei der Stiftung ist zumindest preisverdächtig. Ein großes Vergnügen!

Höchste Zeit gegenzusteuern

Die in der Corona-Zeit in eineinhalb Jahren entwickelte Ausstellung, einzigartig in Europa, hat sich Bewusstseinsbildung in Sachen Denkmalschutz auf die Fahnen geschrieben. Der Stolz auf Kultur und Herkunft in der deutschen Bevölkerung nehme massiv ab, war zu den Motiven zu erfahren. Und Denkmalschutz in den Medien sei zu 95 Prozent negativ besetzt. Höchste Zeit also gegenzusteuern, so Eva Masthoff.

In Baugerüste gesetzt, mit dem baustellentypischen Mash-Gewebe verkleidet und in Bohlenoptik daherkommend, strahlt die sich auf 200 Quadratmeter erstreckende Ausstellung schon auf den ersten Blick ein hohes Maß an Authentizität aus. Durch ein Portal wird die Schau betreten, die zu sechs Multimediastationen führt: „Liebe oder Last?“, „Monument oder Patient?“, „Kunstwerk oder Machwerk?“, „Schmuckstück oder Schandfleck?“, Förderung oder Überforderung?“, die Stiftung stellt die richtigen Fragen und hat die passenden Antworten parat. Und das alles auf wunderbar verdauliche Art und Weise, nicht belehrend, sondern zum Denken anregend. Ein Blick in den Werkzeugkoffer der Denkmalpflege wird beispielsweise gewährt, zu erfahren ist, was Denkmale erzählen und wie es sich in ihnen wohnt.

Blick durchs Fernrohr auf unsere Städte

Ein Highlight hebt sich die Ausstellung an Schlussstation Nummer 6 auf. Sie ist nicht von ungefähr mit „Liebe!!“ betitelt und führt auf einen Turm. Durch ein digitales Fernrohr werden nord- und süddeutsche Städte ohne Denkmale gezeigt. Der traurige Anblick verschwindet per Münzeinwurf und macht deutlich, wie Denkmale unsere Städte und ihren Wiedererkennungswert prägen.

Am Ende der kurzweiligen Tour wird um Abstimmung gebeten, flankiert von Denkmalen aus der Strelitzer Region. „Hat sich ihre Sicht auf Denkmale und Denkmalschutz durch die Ausstellung verändert?“, wollen die Macher wissen. Und es gibt Superdenkmale to go, also zum Mitnehmen auf Karten.

Jeden Tag ein Verlust

Jeden Tag werde Deutschland um ein Denkmal ärmer, so die Führerin. Nur drei bis vier Prozent der Bausubstanz stehen hierzulande unter Denkmalschutz. „Das ist vergleichsweise verdammt wenig“, schätzte Eva Masthoff ein. Und das, obwohl rund 30 Prozent der Gebäude in Deutschland historisch sind. Auch gebe es kein übergreifendes Denkmalschutzgesetz, sondern 16 Einzelgesetze. An denen permanent herumgemodelt werde hinsichtlich eines Einvernehmens mit den nicht unabhängigen sowie fachlich häufig nicht hinreichend qualifizierten Unteren und den Oberen Denkmalschutzbehörden. Auch MV befinde sich aktuell in einer Novellierung, wobei dabei nun nichts zu beklagen sei. Bezeichnenderweise wird in der Ausstellung auch in einen Paragrafendschungel geführt.

Staatliche Fürsorge nicht ausreichend

Generell sei zu sagen, so Eva Masthoff, dass es mehr bürgerschaftliches Engagement brauche. „Sonst gehen die Denkmale unter, die staatliche Fürsorge ist nicht ausreichend.“ Hochqualifizierte Architektur müsse immer wieder Standard weichen.

Natürlich nutzt die Stiftung die Gelegenheit, sich und ihre eigene Arbeit vorzustellen. Sie ist die größte private Initiative für Denkmalpflege in Deutschland und setzt sich seit 1985 kreativ, fachlich fundiert und unabhängig für den Erhalt bedrohter Baudenkmale ein. Rund 600 Projekte fördert die Stiftung jährlich, vor allem dank der Mithilfe und Spenden von über 200.000 Förderern. Insgesamt konnte die Stiftung bereits über 6900 Denkmale mit mehr als einer halben Milliarde Euro in der gesamten Bundesrepublik unterstützen.

Öffnungszeiten der Ausstellung: täglich von 11 bis 16 Uhr.

Eva Masthoff erwies sich als großartige Führerin durch die Ausstellung.
Rechts eine vom Kölner Dom herabgefallene Spitze.
Paragrafendschungel
Geöffnet ist täglich von 11 bis 16 Uhr.