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Glosse

Fotos: KI-generiert

Wen es derzeit ins Neustrelitzer Kaufland zieht, der sollte gewappnet sein. Vielleicht was zum Lesen mitnehmen. Je nach Fitnesszustand eventuell einen Klappstuhl einpacken. Gern mit Freunden und Bekannten shoppen, so viel Zeit füreinander hat man selten. Im Supermarkt herrscht nämlich Ausnahmezustand.

Der Grund: Selbstbedienungskassen sind eingeführt worden. Und um die den Kunden schmackhaft zu machen, ist im Gegenzug die Zahl der herkömmlichen Auslässe drastisch reduziert worden. So waren es jetzt zum wiederholten Mal ganze zwei personell besetzte Zahlschalter. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Immerhin stehen verlockend um die 30 Prozent Senkung der Personalkosten bei den Märkten im Raum, haben Analysten ausgerechnet.

Jedenfalls ist die Rechnung zunächst nicht aufgegangen. Zwei Schlangen bis zum Kaufland-Horizont bildeten sich, wenn auch nicht vor den SB-Terminals. Was der Bauer nicht kennt… Der Leidensdruck ganz offensichtlich noch nicht so stark, wie von den Strategen möglicherweise erhofft. Eventuelles Gegenmittel, um Zeit zu sparen: sich gleich nach Betreten der Kaufhalle unter die Wartenden einreihen und immer mal zum Waregreifen bei Vordermann oder Hinterfrau Ausflüge anmelden. Die solidarischen Mitmenschen schieben inzwischen den kurzzeitig verwaisten Wagen weiter. Bevor sie selbst ausscheren und ihr Einkaufsgefährt in deine Obhut geben.

Bei Rossmann gibt es die SB-Kassen schon länger. Von Siegeszug kann auch da augenscheinlich keine Rede sein, aber so eine Tube Zahnpasta und ein Paket Waschpulver bekommt der eine oder die andere Normalo doch schon über den Scanner gezogen. Zu warnen ist allerdings vor hochpreisigen Produkten. So löste ein 30-Euro-Rasierer dieser Tage an der Ausgangstür trotz Bezahlung erst mal Alarm aus. Und rief die zum Glück noch vorhandene Kassiererin auf den Plan. Der brauchte der verdächtige Kunde nur den vom Automaten ausgespuckten Kassenbon zu präsentieren, und schon war er entlastet. So einfach! Schöne neue Welt!

Die Chefeinkäuferin unseres Hauses, also meine Holde, zeigt inzwischen leicht angenervt Wirkung. Sie will probeweise und zwecks Chaosbegrenzung zur SB-Fraktion wechseln, wenn sie mal nur zwei, drei Artikel im Korb bzw. im Wagen hat, gab sie eben zu Protokoll. Allerdings dürfte dann ihr Self-Checkout, um hier mal den Experten herauszukehren, erst Premiere haben, wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen. Denn meine bessere Hälfte kutschiert in der Regel ganz andere Warenmengen aus der Residenzstadt in die Kleinseenplatte.

Nochmals zurück ins Neustrelitzer Kaufland: Hier wird den Selbstbedienern zumindest noch beratendes Personal zur Seite gestellt, um dem Fortschritt zum Durchbruch zu verhelfen. Auch wenn Mecklenburg diesbezüglich einen schlechten Ruf hat, hier soll ja laut Bismarck alles 50 Jahre später passieren, so lange wird es wohl dann doch nicht dauern.