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Gymnasium Carolinum, International Summerschool, Mecklenburg-Strelitz, Neustrelitz, Tesch

Die 20. International Summerschool Anfang September am Neustrelitzer Gymnasium Carolinum ist Geschichte. Zwanzig Jahre Summerschool sind zwanzig Jahre voller Vorträge, Seminare, Exkursionen und Projekte. Es sind unzählige Referentinnen und Referenten, Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und Gespräche mit Jugendlichen aus unseren Partnerschulen. Es sind Reisen nach Peenemünde, Exkursionen in den Müritz-Nationalpark, wissenschaftliche Fragestellungen, Literatur, Kunst, Geschichte, Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie.
Begonnen hat all das vor zwanzig Jahren mit einer Idee. Gemeinsam entwickelten. Prof. Sigrid Jacobeit, Schulleiter Henry Tesch, sein Stellvertreter Olaf Müller sowie die Lehrerinnen Eike Benzin und Jana Minkner ein Bildungsformat, das bewusst über den klassischen Unterricht hinausgehen sollte. Getragen und gefördert vom Schulverein Carolinum e. V. wurde daraus die Summerschool, mit der seitdem die Schülerinnen und Schüler der jeweiligen 12. Klassen in ihr letztes Schuljahr am Carolinum starten. Über zwei Jahrzehnte ist daraus ein in dieser Form wohl deutschlandweit einmaliges Bildungsformat gewachsen.
„Doch nach zwanzig Jahren zeigt sich vielleicht noch deutlicher: Die eigentliche Geschichte der Summerschool lässt sich nicht allein in Programmen, Namen und Zahlen erzählen. Denn von Beginn an ging es um mehr. Die Summerschool entstand aus einer Vorstellung von Bildung, die junge Menschen nicht nur mit Wissen ausstattet, sondern sie dazu ermutigt, selbst zu denken, Fragen zu stellen, andere Perspektiven einzunehmen und schließlich auch selbst zu handeln“, so Schulleiter Henry Tesch.
„Deshalb war die Summerschool immer ein Ort der Begegnung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch. Jugendliche aus Polen, Dänemark, Norwegen und Deutschland diskutierten miteinander. Menschen berichteten von ihrem persönlichen Engagement und von Erfahrungen, die weit über den schulischen Alltag hinausführten“, ergänzte mein Blogpartner.
Geschichte blieb nicht abstrakt
Eine besondere Bedeutung hatten dabei die Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Überlebende des Holocaust aus verschiedenen europäischen Ländern und aus Israel erzählten jungen Menschen ihre Geschichte. Geschichte blieb damit nicht abstrakt. Sie bekam Gesichter, Stimmen und persönliche Erinnerungen. Aus Geschichte wurde Begegnung – und aus Erinnerung erwuchs Verantwortung. „Erinnert euch. Erzählt weiter, was ihr gehört habt.“ Dieser Gedanke der Ravensbrück-Überlebenden Edith Sparmann beschreibt etwas, das die Summerschool über viele Jahre geprägt hat.
Ebenso eindrücklich formulierte es die Holocaust-Überlebende Batsheva Dagan: „Ich lebe. Das ist mein Sieg!“ Für sie war Bildung der Schlüssel zu einer besseren Zukunft – verbunden mit der schwierigen, aber unverzichtbaren Aufgabe, Liebe und Respekt vor anderen Menschen zu vermitteln. Genau hier liegt ein Kern der Summerschool: Bildung und Menschlichkeit gehören zusammen.
Dabei sollte das Gehörte nie einfach im Raum stehen bleiben. Die Schülerinnen und Schüler waren und sind aufgefordert, sich selbst mit den Themen auseinanderzusetzen. Aus Vorträgen und Gesprächen entstanden literarische Texte, künstlerische Arbeiten, Musikstücke, wissenschaftliche Beiträge und Modelle. Aus Zuhören wurde Nachdenken, aus Nachdenken eigenes Gestalten.
Und manchmal wurde daraus ganz konkretes Handeln. Begegnungen etwa mit Dr. Reinhard Erös von der Kinderhilfe Afghanistan oder mit Luise Mirza von „Ärzte ohne Grenzen“ hinterließen bei Jugendlichen einen solchen Eindruck, dass auf Initiative des Schülerrates eigene Hilfsaktionen entstanden. Schülerinnen und Schüler organisierten unter anderem einen UNICEF-Spendenlauf und unterstützten damit Menschen, deren Lebenswirklichkeit sie zuvor im Rahmen der Summerschool kennengelernt hatten.
Wissen kann etwas auslösen
„Das ist vielleicht eines der schönsten Ergebnisse dieses Bildungsformats: Wissen kann etwas auslösen“, betonte Henry Tesch. Die Summerschool führe deshalb ganz bewusst auch hinaus aus der Schule. Seit 2010 gehört Peenemünde zu dieser besonderen Form des Lernens. Schülerinnen und Schüler begegnen dort einem historischen Ort in seiner ganzen Ambivalenz und nähern sich ihm aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Seit 2012 führen Exkursionen zudem regelmäßig in den Müritz-Nationalpark. Moore und Buchenwälder, renaturierte ehemalige Militärflächen oder die Rückkehr des Wolfes machen deutlich, dass Lernen nicht an der Tür eines Klassenraumes endet.
Über all diese Jahre hinweg hat sich das Programm verändert. Neue Themen sind hinzugekommen, gesellschaftliche und wissenschaftliche Fragen haben ihren Platz gefunden, Generationen von Schülerinnen und Schülern haben die Summerschool erlebt. Referentinnen und Referenten haben ihr Wissen, aber ebenso ihre Erfahrungen und Überzeugungen eingebracht.
„Der Anspruch aber ist geblieben. Junge Menschen sollen die Welt nicht nur erklärt bekommen. Sie sollen Gelegenheit erhalten, sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Sie sollen Menschen begegnen, deren Erfahrungen und Gedanken etwas in ihnen auslösen. Sie sollen hinterfragen, widersprechen, diskutieren und eigene Antworten suchen“, erklärte der Schulleiter des Carolinums weiter.
Vielleicht lasse sich deshalb nach zwanzig Jahren am besten sagen: Die Summerschool vermittele nicht einfach Wissen über die Welt. Sie wolle jungen Menschen Mut machen, sich selbst ein Bild von dieser Welt zu machen – und Verantwortung dafür zu übernehmen, wie sie morgen aussehen wird.
Ein Staffelstab wird weitergegeben
Das 20-jährige Jubiläum ist deshalb nicht nur ein Anlass, auf das Erreichte zurückzublicken. Es markiert zugleich einen besonderen Moment des Übergangs. Im Rahmen der 20. Summerschool verkündete Henry Tesch, Vorsitzender des Kuratoriums der Summerschool, die Übergabe des Staffelstabes von der langjährigen Präsidentin Prof. Sigrid Jacobeit an den Historiker Dr. Stefan Hördler von der Universität Göttingen.
Es ist eine Übergabe mit einer besonderen Geschichte. Stefan Hördler begann einst als Student bei Sigrid Jacobeit – in der ersten Reihe sitzend, wie sie sich erinnert. Beide verbindet inzwischen eine jahrzehntelange wissenschaftliche und persönliche Wegstrecke. Auch Henry Tesch und Stefan Hördler kennen und schätzen sich seit vielen Jahren.
„Dass es jetzt in dieser Konstellation im Rahmen der 20. Summerschool zur Staffelstabübergabe von Frau Prof. Sigrid Jacobeit an Dr. Stefan Hördler kommt, ist für mich eine so große Freude und zugleich eine wunderbare Überraschung“, sagt Henry Tesch. Vielleicht könne es für zwanzig Jahre Summerschool kaum ein passenderes Bild geben: Ein Mensch gibt weiter, was er über viele Jahre geprägt hat, und ein anderer übernimmt Verantwortung, der selbst einmal als Lernender vor ihm saß. So schließe sich ein Kreis – und zugleich beginne etwas Neues. Denn genau davon lebe Bildung: dass Wissen, Erfahrungen, Überzeugungen und Verantwortung nicht bei einer Generation bleiben, sondern weitergegeben werden.
In diesem Sinne sei die Staffelstabübergabe kein Schlusspunkt unter zwanzig Jahre Summerschool. Sie sei vielmehr das Versprechen, ihre Idee weiterzutragen: junge Menschen zum Denken anzuregen, ihnen Begegnungen zu ermöglichen, unterschiedliche Perspektiven zu eröffnen und sie darin zu bestärken, aus Erkenntnis eigenes Handeln werden zu lassen, unterstrich Henry Tesch abschließend. Zwanzig Jahre Summerschool zeigten: Bildung wirkt weiter – wenn Menschen bereit sind, den Staffelstab weiterzugeben und andere ihn aufnehmen.

