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In der Gemeinde Ivenack entsteht das erste Earthship Mecklenburg-Vorpommerns. Gebrauchte Autoreifen, Regenwasser und passive Solarenergie ergeben ein weitgehend autarkes Wohngebäude mitten in der Mecklenburgischen Schweiz. Führungen und Workshops finden vom 6. bis 13. September im Rahmen der European Action Week in Zolkendorf bei Ivenack statt.
Seit Mai 2026 entsteht im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte das zweite Earthship Deutschlands. 180 m² Wohnfläche, gebaut aus Recyclingmaterialien sowie Lehm, Holz und Naturstein. Sie werden passiv beheizt, weitgehend eigenversorgt, Wasser wird aus Regen gewonnen, Strom aus der Sonne. Christine Horres-Santo und Peter Santo, die beide bereits seit einigen Jahren in
der Region leben, lassen extra so bauen, dass eine Einliegerwohnung entsteht, in der Interessierte zeitlich begrenzt das Wohnen im Earthship ab nächstem Jahr erleben können.
Vor mehr als 30 Jahren entwickelt
Earthships werden vor allem von Hand gebaut, der Maschineneinsatz ist gering und es werden bisher keine Fertigbauteile verwendet. Es sind Gebäude, die Ökosysteme regenerieren, klimapositiv sind und Kreisläufe schließen. Vor mehr als 30 Jahren hat der Amerikaner Michael Reynolds diese Bauweise entwickelt, mittlerweile gibt es Bauprojekte rund um die Welt. In Mecklenburg-Vorpommern liegt bereits die Baugenehmigung für ein weiteres Earthship, dann in der Region Schaalsee, vor. Der Architekt beider Bauvorhaben, Ralf Müller, hat sich dort vor zehn Jahren mit seinem Institut für regenerative Baukultur und resilienten Lebensstil niedergelassen.
Die Baustelle selbst dient als Multiplikator: mehr als 60 Mitwirkende sind in der aktiven Bauphase in Ivenack beteiligt. Über 200 VisionärInnen, Handwerkende und AkteurInnen im Projektnetzwerk und eine wachsende Online-Community unterstützen das erste Earthship im Kreis Mecklenburgische Seenplatte. Das Projekt wird umgesetzt vom TerraSol Baukollektiv, einem alternativen Planungs- und Baukollektiv, das auf flachen Hierarchien und der Zusammenarbeit zwischen Planer:innen, Handwerkenden und Bauherr:innen basiert. Keine klassische Auftraggeber-Auftragnehmer-Logik, sondern Co-Kreation zwischen allen Beteiligten.
Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt das Institut für regenerative Baukultur und resilienten Lebensstil gGmbH (BeeOnik): ein Institut, das Gebäude als lebendige Systeme begreift und naturbasierte Prinzipien für die Bauindustrie dokumentiert und durch offene Mitmach-Aktionen und Workshops zugänglich macht. Das Team hat bereits an den ersten Earthship-Projekten Deutschlands (Schloss Tempelhof, Baden Württemberg) und Österreichs aktiv mitgebaut.
Autoreifen, Glasflaschen, Regenwasser
Das Projekt zeigt, wie zirkuläres Bauen im ländlichen Raum möglich ist. In Ivenack wird das Earthships mit einem Nebengebäude kombiniert, das das lokale Ortsbild aufgreift. Damit wurde die planungsrechtliche Grundlage geschaffen. Abfall findet als Baustoff im Earthship Ivenack eine neue Verwendung: Autoreifen dienen als Schalungsmaterial, tragende Struktur und
thermische Speichermasse, Glasflaschen als lichtdurchlässige Füllelemente und Regenwasser als primäre Wasserquelle.
Ein Earthship integriert sechs Kernsysteme in einem Gebäude: passive Solarheizung, also Wärme, die durch die spezifische Bauweise gewonnen wird und entsprechende Kühlung, Regenwasseraufbereitung, erneuerbare Energien, Nahrungsmittelanbau im integrierten Gewächshausgürtel, Abwasseraufbereitung sowie den konsequenten Einsatz natürlicher und recycelter Materialien. Die Außenwände bestehen aus ca. 800 gebrauchten Autoreifen, die mit Erde gefüllt, gestampft und mit Lehm verputzt werden. Die Masse dieser Wände (mehrere Tonnen schwer) fungiert als thermischer Puffer: Sie speichert tagsüber solare Wärme und gibt sie verzögert wieder ab.
Eine vollverglaste Südfassade lässt im Winter Sonnenlicht tief ins Gebäude. Dachklappen und Lüftungsrohre regulieren im Sommer die natürliche Belüftung. Das Dach sammelt Regenwasser in Zisternen, welches mehrfach im Kreislauf genutzt wird. Strom kommt von Photovoltaik und Solarthermie.
Vor dem Start des Bauprojektes, das im November 2026 beendet sein soll, mussten neben dem Grundstücks- und Baurecht mehrere Hürden überwunden werden. So sind gebrauchte Autoreifen zwar im Überfluss vorhanden, aber nicht unbedingt dort, wo man sie braucht. Die Beschaffung der 800 benötigten Reifen, idealerweise sortenrein nach Größe, über Reifenhändler, Kfz-Werkstätten und kommunale Sammelstellen, erforderte vorlaufende Planung und regionale Netzwerke.
Andere Anforderungen im Norden
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass das klassische Earthship-Modell für trockene, sonnenreiche Klimazonen entwickelt ist. Norddeutschland stellt andere Anforderungen: höhere Luftfeuchtigkeit, weniger Sonnenstunden im Winter, andere Bodenverhältnisse. Das erfordert eine präzisere Berechnung der Glasflächen, verstärkte Wärmedämmung im Wandaufbau und Pufferräume für die Wintermonate. Die notwendigen Adaptionen sind umsetzbar, erfordern aber spezifisches Erfahrungswissen, das in Deutschland bisher kaum systematisch dokumentiert ist. Genau das ist eine der zentralen Forschungsaufgaben von BeeOnik.
Im Rahmen der 1. European Action Week, einem europaweiten und dezentralen Format, das Initiativen, Organisationen und engagierte Einzelpersonen zusammenbringt, um gemeinsam die sozial gerechte und nachhaltige Transformation der gebauten Umwelt und Gesellschaft voranzutreiben (veranstaltet von den Architects for future), finden vom 6. bis 13. September 2026 Führungen und Workshops auf dem Gelände des Earthships in Ivenack/Zolkendorf statt. Die Führungen, bei denen man regeneratives Bauen aus erster Hand erleben kann, sind kostenfrei und starten am Samstag, den 12. September, um 14 Uhr.
Vom 6. bis 12. September wird das Earthship außerdem zur Mitmach-Baustelle: Jeder kann mit anpacken, an den Glasflaschenwänden und überall sonst, wo die Baustelle tatkräftige Hände braucht. Informationen zu den Workshops gibt es
auf Anfrage bei Natalie Sennes: info@bee-onik.de.
Weitere Informationen:
Projekte – bee-onik.de
European Action Week


