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Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat in einer Studie untersucht, welche Anforderungen ältere Menschen ab Mitte 60 an die Gestaltung von Verkehrsmitteln haben. Analysiert wurde zudem, wie aktuelle Mobilitätsangebote diesen Bedürfnissen gerecht werden. Entscheidend ist hierbei, dass diese verfügbar und bedarfsgerecht gestaltet sind. Das Team der Studie betrachtete dabei die Mobilität im Alltag ebenso wie in Krisensituationen, etwa bei Hitzewellen oder Pandemien. Letzteres ermöglicht auch Aussagen über die Resilienz von Lösungen.
„Mobility Design Norm Gap“ schließt viele Menschen aus
„Unser Verkehrssystem und die Verkehrsplanung orientieren sich immer noch sehr deutlich an einem durchschnittlichen, gesunden, männlichen ‚Referenzmenschen‘ als Norm. Während die Bedürfnisse weiter Teile der Bevölkerung nur unzureichend bedacht werden“, fasst Sophie Nägele vom DLR-Institut für Verkehrsforschung zusammen, das mit dem DLR-Institut für Fahrzeugkonzepte die Studie erstellt hat. „Dazu gehören ältere Menschen, aber auch Frauen, Kinder oder Menschen jeden Alters mit dauerhaften oder temporären Einschränkungen. Diese strukturelle Lücke zwischen Bedürfnissen und Angeboten haben wir die Bezeichnung ‚Mobility Design Norm Gap‘ gegeben.“
Großer Handlungsbedarf für wachsende Zielgruppe
Aufgrund des demografischen Wandels wächst der Anteil älterer Menschen stetig. Im Jahr 2040 werden in Deutschland fast 30 Prozent älter als 67 Jahre sein. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in vielen westlichen Gesellschaften und in asiatischen Ländern wie Japan oder Südkorea. Sie wirkt sich auch darauf aus, wie Mobilitätsangebote wahrgenommen und genutzt werden. Denn körperliche und kognitive Einschränkungen sind mit höherem Alter wahrscheinlicher. Zum Beispiel verlangsamt sich die Reaktionsgeschwindigkeit. Das Sichtfeld wird kleiner und das Gehör schlechter. Komplexe Abläufe können überfordern, Routinen gewinnen an Bedeutung. „Gerade im Alter ist der Erhalt von Mobilität ein wichtiger Faktor. Er beeinflusst Selbstständigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Lebensqualität“, erklärt DLR-Forscherin Nägele.
Potenziale Auto und E-Bike
Mit dem Auto unterwegs zu sein, ist für viele ältere Menschen wichtig. Um Fahrzeuge besser auf ihre Bedürfnisse anzupassen, nennt die Studie zum Beispiel sogenannte Head-up-Displays. Sie projizieren wichtige Informationen in das Sichtfeld. So kann der Blick auf die Straße gerichtet bleiben. Auch die Sprachsteuerung von Navigations- und Komfortsystemen unterstützt den Fokus auf die Straße. Neue Funktionen knüpfen am besten an vertraute Bedienmuster an. Etwa ob ein Knopf gedrückt oder gedreht werden muss. Um das Ein- und Aussteigen zu vereinfachen, sind verstellbare Drehsitze eine Option. „Ein ebenfalls wichtiger Aspekt sind altersgerechte Crash-Test-Dummys: Sie können Tests realistischer machen und Sicherheitssysteme besser auf ältere Menschen anpassen. Denn im Alter brechen – beispielsweise bei einem Unfall – Knochen leichter“ erläutert Sophie Nägele.
E-Bikes sind bei älteren Menschen sehr beliebt. Rund 20 Prozent der Nutzenden sind zwischen 60 und 70 Jahren. Damit machen sie die zweitgrößte Nutzungsgruppe aus. Allerdings haben E-Bikes im Vergleich zu konventionellen Fahrrädern ein höheres Gewicht. Für Ältere bieten sich deshalb leichtere und wendigere Modelle an. Einfach zugängliche Trainingsprogramme können das richtige Verhalten in Gefahrensituationen üben und das Unfallrisiko senken. Eine verständliche Wegführung, gute Straßenbeläge und das Tragen eines Helms erhöhen ebenfalls die Sicherheit – nicht nur bei Älteren.
Unterwegs zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln
Das zu Fuß gehen ist für viele ältere Menschen die häufigste Art, sich fortzubewegen. Ausreichend breite und gut beleuchtete Wege und Stufen, funktionierende Aufzüge und Rolltreppen sowie Sitzgelegenheiten für kurze Pausen erleichtern das Vorankommen. Gleiches gilt für eine möglichst direkte und einfache Wegeführung, speziell auch beim Übergang zu öffentlichen Verkehrsmitteln.
95 Prozent aller Fahrten mit Bus und Bahn in Deutschland beginnen mit Wegen, die zu Fuß zurückgelegt werden. Für ältere Menschen kann bereits dieser Fußweg hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln eine zentrale Hürde für deren Nutzung darstellen. „Deshalb ist es umso wichtiger, nicht nur einzelne Verkehrsmittel isoliert anzuschauen, sondern immer die gesamte Wegekette zu betrachten – also von der Haustür bis zum Zielort“, legt Nägele dar. Auch an die Fahrzeuge im öffentlichen Verkehr haben ältere Menschen besondere Anforderungen.
Das beginnt bei klaren und großen Informationstafeln und Schildern sowie gut verständlichen Durchsagen in moderatem Sprechtempo. Digitale Prozesse für die Routenplanung und Buchung von Tickets sollten über einfache Benutzungsoberflächen mit großen Schaltflächen und verständlichen Anleitungen verfügen. Fahrzeugseitig zählt die Studie ebenfalls mehrere Punkte auf: von einer niedrigen Einstiegshöhe über Handläufe in unterschiedlichen Höhen bis hin zu genügend Platz für Gehhilfen und Rollatoren.
Geteilte, automatisierte Fahrzeuge als interessante Möglichkeit für Senioren
Für ältere Menschen können geteilte, automatisierte Fahrzeuge in Zukunft eine interessante Möglichkeit sein. Sie können Mobilität, Selbstständigkeit und soziale Teilhabe ermöglichen, wenn das eigene Auto oder das zu Fuß gehen keine Optionen mehr sind. „Bei der Gestaltung solcher neuartigen Mobilitätsangebote sollten deshalb die spezifischen Bedarfe dieser Zielgruppe von Beginn an mitgedacht werden“, empfiehlt Sophie Nägele. Bei diesen Mobilitätsangeboten gibt es keine Fahrerin und keinen Fahrer mehr. Für ältere Menschen wird deshalb der Austausch mit den Mitfahrenden wichtig werden. Denkbar wäre auch die bevorzugte Zusammenstellung von Fahrten mit Personen ähnlichen Alters. Die Gestaltungsanforderungen ähneln dabei den bereits bei öffentlichen Verkehrsmitteln beschriebenen. Auch hier sind zum Beispiel möglichst einfache Apps zur Buchung wichtig.
Handlungsempfehlungen der Experten
„Um den Mobility Design Norm Gap zu schießen, braucht es die Mitwirkung aller, die Mobilitätsangebote und Fahrzeuge planen und anbieten. Von staatlicher Seite sind verbindliche Rahmenbedingungen, Vorgaben und gegebenenfalls Sanktionen notwendig, um eine möglichst umfassende Barrierefreiheit zu erreichen“, bilanziert DLR-Expertin Nägele. Gleichzeitig stelle die Herausforderungen des demografischen Wandels eine wirtschaftliche Chance dar: Denn altersgerechte Mobilitätsangebote treffen auf eine immer größer werdende Zielgruppe mit hoher Kaufkraft. „Auch dieser Gruppe ein passendes Angebot zu machen, ist nicht nur eine Frage der Fürsorge und Teilhabe, sondern kann sich zu einem echten Marktvorteil entwickeln.“