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Absolventen, Mecklenburgische Kleinseenplatte, Mittlere Reife, Seewalde, Waldorfschule, Zeugnisse

Eine außergewöhnliche Zeugnisübergabe hat es heute Nachmittag in Seewalde gegeben. Mit der Bescheinigung der Mittleren Reife in der Tasche verlassen Elisabeth Gädeke, Jindrich Bühring, Johanna Schleich und Liebhard Kloss nach zwölf Schuljahren (so will es das Schulgesetz in MV) mit sehr guten Ergebnissen die dortige Waldorfschule und wechseln an die in Greifswald, um dort in einem weiteren Jahr zum Abitur zu gelangen. Zur Abifeier wollen die vier Abgänger dann wieder in Seewalde sein. Im vergangenen Jahr hatte eine Seewalderin mit der Berufsschulreife abgeschlossen, nun erstmals vier Absolventen mit der Mittleren Reife. Ich begleite die Waldorfschule Seewalde von Gründung an journalistisch und habe mir natürlich den bedeutenden Tag in der Schulgesichte heute nicht entgehen lassen. Neben mir die Leitende Verwaltungsbeamtin der Mecklenburgischen Kleinseenplatte, Karola Kahl, auch eine Zeitzeugin.
Die vier Schüler nahmen nicht nur ihre vom Schulamt taufrisch besiegelten Zeugnisse entgegen, sondern revanchierten sich in der Kulturscheune auch noch gesanglich und instrumental mit Ausschnitten aus ihrem bereits am Vortag präsentierten künstlerischen Abschlussprogramm, begleitet am Klavier von ihrem Musiklehrer Bernhard Crass. Einmal mehr begeisterten die jungen Leute und ernteten jede Menge Applaus.
Vizelandrat: Ihr wart der Motor für die nach euch
Vizelandrat Thomas Müller bezeichnete in einer Ansprache den heutigen Termin in Seewalde denn auch als einen sehr außergewöhnlichen. „Die Waldorfschule Seewalde ist ein wichtiger Bestandteil im Schulkonzept unseres Landkreises geworden. Sie ist besonders, weil sie uns zeigt, dass ein Miteinander, ein gegenseitiges Anerkennen, ein Achten und Vertrauen immer der richtige Weg sind.“ Und an die Absolventen gerichtet: „Ihr werdet nicht nur immer diejenigen sein, die von Anfang an dabei waren. Ihr wart auch der Motor für alle, die nach euch kamen. Und Ihr seid der Beweis, dass das Schulmodell funktioniert.“ Müller gratulierte allen Beteiligten, die vor rund 5000 Tagen angetreten waren, zu dem Mut, Gedanken, Wünsche und Ideen rund um die Waldorfschule Wirklichkeit werden zu lassen. Es habe nicht wenige gegeben, die vor zwölf Jahren nicht an den Erfolg des Projektes geglaubt hatten.
Durch den Festakt führte Thomas Gädeke, Geschäftsführer der Seewalde gGmbH. Ihm oblag es etliche Gäste zu begrüßen, darunter Ingrid Sievers. Sie hatte als Mecklenburg-Strelitzer Sozialdezernentin und kommissarische Landrätin, angetan von der Kita im Dorf, den geistigen Anstoß für die Waldorfschule in Seewalde gegeben und das Werden konstruktiv begleitet. Die Schule habe ihr immer besonders am Herzen gelegen, sagte sie in ihrem Grußwort. „Wir haben einen Weg gefunden, ein bisschen Vielfalt und alternative Konzepte in die Schullandschaft zu bringen, und ganz nebenbei noch Zuzug begünstigt, darunter von dringend benötigten Medizinern.“ Ingrid Sievers versäumte nicht, an die Verdienste des damaligen CDU-Landtagsabgeordneten Vincent Kokert zu erinnern. Die würdigte auch Gädeke. Abschließend stellte die Wegbegleiterin heraus, dass die vier Jugendlichen eine fundierte, vernünftige Bildung erhalten, soziale Kompetenz und Empathie erworben haben, die immer mit im Vordergrund standen. „Ich bin überzeugt, dass Ihr euren Weg meistert.“
Gründungsberater: Ich bin beglückt, alle Achtung
Auch in der Waldorf-Community selbst hatte es Skepsis hinsichtlich der Planungen in Seewalde gegeben, wie Thomas Gädeke ergänzte. Sein nächster Ehrengast war Helmut Anschau, der als Gründungsberater fungiert hatte. „Ich bin heute beglückt, alle Achtung und Kompliment für das Durchhaltevermögen“, so Anschau. Er bezeichnete die vier Absolventen als „Pioniere einer Waldorfschule im ländlichen Raum“. In einer sehr abwechslungsreichen und spannenden Gründungszeit habe auch er sich vieles nicht vorstellen können. „Wenn man sich etwas nicht vorstellen kann, ist es kein Grund, es nicht trotzdem zu versuchen“, ergänzte Gastgeber Gädeke.
Waldorflehrer im Ruhestand Dr. Erhard Hofmann sprach von einer „erfüllten Hoffnung. Da strahlt etwas in die Zukunft.“ Die Walddorfpädagogik sei durch den Dreiklang von Lehrern, Schülern und Eltern geprägt, die eine Erziehungspartnerschaft eingehen mit dem Ziel, mündige Bürger in die Welt zu entlassen. „Die Zivilgesellschaft muss sich aus der Jugend heraus neu formieren. Ihr werdet sie bereichern“, so Hofmann, an die Jugendlichen gewandt.
Für bewegende Redebeiträge sorgten auch Juliane Schwarte, eine Zeit lang Aushilfslehrerin in Seewalde, und die pädagogische Schulleiterin Renata Bühring, die die Zeugnisse übergab, darunter dem eigenen Sohn. Bevor es ans gut bestückte Buffet ging, versäumte Thomas Gädeke nicht, Thomas Müller den hohen Stellenwert der Kreismusikschule Kon.centus für die Seewalder Bildungseinrichtung zu bescheinigen. Auch mit dem Neustrelitzer Gymnasium Carolinum gibt es gute Beziehungen.
Im kommenden Schuljahr wird es in Seewalde keine 12. Klasse geben. Ob zu einem späteren Zeitpunkt auch direkt in Seewalde das Abitur angeboten werden kann, ist noch offen. Zumal das Konstrukt Seewalde-Greifswald nicht als das schlechteste angesehen wird, wie Strelitzius auf Nachfrage erfuhr.


